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Buchkritik | Beitrag vom 21.06.2018

Maxim Ossipow: "Nach der Ewigkeit"Geschichten aus der russischen Provinz

Von Olga Hochweis

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Im Vordergrund: Cover des Buches "Nach der Ewigkeit" von Maxim Ossipow, im Hintergrund: Ein Schüler wartet im sibirischen Omsk (Russland) auf ein Boot, das ihn über den Fluss bringt. (Hollitzer Verlag / dpa / Collage Deutschlandradio)
Maxim Ossipow zog von Moskau in eine Kleinstadt. Dem kleinen Ort gilt sein großes Lob der Provinz. (Hollitzer Verlag / dpa / Collage Deutschlandradio)

Die Umwälzungen in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion und seine Tätigkeit als Arzt prägen Maxim Ossipows Schreiben. In dem Erzählband "Nach der Ewigkeit" gibt es einen Mediziner, den Autos mehr als Menschen interessieren.

So klingen Geschichten aus der russischen Provinz: Während einer Zugfahrt wird ein Arzt Zeuge einer Eskalation im Kriminellen-Milieu. In einer mittelrussischen Kleinstadt ersticht eine tadschikische Kellnerin aus Notwehr einen Mann. Ein Klein-Oligarch will den Vater eines Kindes beseitigen, das er adoptieren möchte.

Nicht wenig Dramatik – und viel Ungeheuerlichkeit- findet sich in den elf ausgewählten Erzählungen von Maxim Ossipow. Und doch stehen im Fokus seiner Geschichten nicht die äußeren Ereignisse. Sie bilden vielmehr die Folie, vor der sich unterschiedlichste Beziehungen und Milieus darstellen. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Erzähler zu: Er berichtet auf Augenhöhe seiner Figuren und "zoomt" aus unmittelbarer Nähe heran, exemplarisch in der Geschichte "Pappkombinat Liebknechtzk". Bereits in den Anfangssätzen simuliert Ossipow eine quasi-mündliche Kommunikation zwischen dem Erzählenden und seinen Lesern :

"Im Krieg war´s schlimmer. Doch auch nach dem Krieg ging es uns nicht sonderlich gut. Besser als jetzt war unser Leben nie."

Gespräche wie am Küchentisch als literarisches Mittel

Für die nachfolgende Geschichte über eine Handvoll Menschen im abgehängten Städtchen Liebknechtzk kreiert Ossipow eine gleichsam improvisierte Kommunikation, die auch am Küchentisch stattfinden könnte. "Skaz" (von skazat´= sagen) heißt dieses seit Gogols Zeiten spezifische literarische Mittel russischer Erzählkunst, das den Figuren in lakonischer Kürze und schlichten Worten ein lebendiges Profil und ihren eigenen "Sound" verleiht:

"Dann kehrte Sascha Oberemok in die Stadt zurück. Schnell war klar, wer nun im Kombinat das Sagen hatte. Er konnte einem ins Gesicht hauen, jemanden den Arm brechen oder ausrenken; so geschehen mit einem Tataren, die konnte Saschka nämlich nicht leiden."

Zerplatzter Traum vom Familienglück

Der Kreis schließt sich im Verlauf der Geschichte mit diesem Tataren, dessen junge Frau in einer Parallelhandlung durch die falsche Behandlung des Arztes nach einer Frühgeburt irreparable Hirnschäden erleidet. Zwischen dem zerplatzen kleinen Traum vom Familienglück und der phlegmatischen Arbeitsroutine eines Mediziners, den Autos mehr interessieren als Menschen, bewegt sich die Handlung, die nüchtern erzählt wird und doch aufwühlend bewegt. Ossipow klagt niemals an. Er begleitet mal protokollhaft, dann wieder temporeich seine Figuren und erstellt dabei wie nebenbei eine genaue Diagnose der russischen Gesellschaft: so korrupt wie grausam, so mitleidslos wie zutiefst menschlich.

Ähnlich wie seine großen Schriftstellerkollegen Anton Tschechow und Michail Bulgakov hat auch Maxim Ossipow Stoff fürs Schreiben aus seiner Tätigkeit als Arzt bezogen. Er ist darüber hinaus ein großer Kenner der Musik, was die klangliche Musikalität seiner Texte erklären mag (exzellent übersetzt von der Brodskij-Übersetzerin Birgit Veit) und auch die Verwendung der ein oder anderen Musiker-Figur in den Erzählungen. Vor allem aber die brachialen sozialen Umwälzungen in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion haben Ossipows Schreiben geprägt. Seinem Umzug von Moskau in die Kleinstadt Tarussa ging die Ermordung seiner Schwester sowie ihres Mannes und Sohnes voran. Dem in der russischen Literaturgeschichte bedeutsamen kleinen Ort gilt Ossipows großes Lob der Provinz - formuliert durch eine seiner Figuren im Angesicht ihres Todes:

"Zwar schaue ich mich manchmal um, aber nicht nach der Vergangenheit, sondern, um zu sehen, was mich gerade umgibt: wie mir das alles fehlen wird! Die Felder, die Weiten drüben am anderen Flussufer.(...) Ich habe nicht besonders viel gesehen und gehört, aber fehlen wird mir vieles."

Maxim Ossipow: Nach der Ewigkeit, Erzählungen,
Übersetzt von Birgit Veit, Hollitzer Verlag Wien, 336 Seiten, 25 Euro

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