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Lesart | Beitrag vom 11.01.2019

Maxim Biller über"Verhandeln"

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Maxim Biller, Buchstabe V, in der Reihe Kalt-Deutsch. (picture alliance/Arne Dedert/dpa / Montage: DLF Kultur)
Der Schriftsteller Maxim Biller (picture alliance/Arne Dedert/dpa / Montage: DLF Kultur)

Ständig wird in der Literatur "verhandelt" – zumindest nach Ansicht deutscher Literaturkritiker, die das Wort unentwegt verwenden. Aber warum? Verhandelt wird vor Gericht. Aber Schriftsteller sind keine Richter.

Bin ich wirklich der einzige Leser, Schriftsteller, Kritiker in Deutschland, für den das Wort "verhandeln" vor allem nach Gericht klingt, nach Prozess, nach Verurteilung, nach Bürokratie und so gar nicht nach Literatur? Ist wirklich noch keinem anderen aufgefallen, dass seit ein paar Jahren unsere Rezensenten dieses harte, unpoetische Wort fast so oft verwenden, wie sie sich bei einer Buchbesprechung um eine eindeutige Meinung drücken, und zwar immer dann, wenn sie eigentlich nur sagen wollen, worum es in einem Roman oder in einer Erzählung geht?

Da heißt es zum Beispiel: X. verhandelt in seiner neuen Novelle die Frage, ob Liebe auch zwischen einem sehr alten Mann und einer ganz jungen Frau möglich ist. Oder: Y. verhandelt in seinen Short Stories die Sehnsucht seiner Figuren nach ihrer verlorenen Heimat. Oder auch: Z. verhandelt in seinem autobiografischen Romanessay das Deutschsein als paradoxe Kategorie.

Schriftsteller erzählen, aber richten nicht

Schriftsteller, finde ich, sind aber keine Richter. Sie verhandeln absolut gar nichts, sie halten über niemanden Gericht und sie erörtern nicht einmal – wenn man die etwas weichere Bedeutung des Wortes "verhandeln" nimmt – eine Frage oder ein Problem. Sie erzählen nur, nicht mehr und nicht weniger. Sie erzählen einfach nur davon, wie es ist, ein Mensch zu sein, obwohl man sich das gar nicht ausgesucht hat, sie erzählen, wie es ist, mit all den anderen Menschen auszukommen, die sich auch die ganze Zeit wundern, warum sie hier sind, und dass bei diesem ganzen Durcheinander aus totaler Freiheit und noch totalerer Fremdbestimmtheit Millionen von aufregenden Geschichten rauskommen, ist das Beste und wahrscheinlich auch das Einzige, was man über den Sinn von Literatur sagen kann.

"Kalt-Deutsch. Die Sprache der Gegenwart." Deutschlandfunk Kultur nimmt die Veränderungen in der Sprache unserer Gegenwart unter die Lupe und schreibt das Wörterbuch der Alltagssprache weiter. (Deutschlandradio/unsplash.com)Kalt-Deutsch - alle Beiträge im Überblick (Deutschlandradio/unsplash.com)

Wieso verstehen die heutigen Kritiker das nicht? Warum schreiben sie einerseits oft so unentschlossen-schwammig, so pseudo-akademisch ambivalent über ein Buch, statt darüber mit echten Argumenten und richtigem Bauchgefühl zu urteilen? Und wieso überhöhen sie andererseits die Schriftsteller zu Richtern, die für uns Leser angeblich mit ihren Romanen und Geschichten über das Leben an sich zu Gericht sitzen?

Deutsche Sehnsucht nach der höheren Instanz

Wahrscheinlich ist es der böse alte deutsche Untertanengeist, der hier langsam wieder durch die Poren der deutschen Wiedervereinigungs-Restauration kriecht, dieser den Deutschen in Jahrhunderten anerzogene Instinkt, nie selbst für etwas Verantwortung zu übernehmen, sondern sie automatisch an eine höhere Instanz abzugeben, egal ob es der König, der Kanzler oder der Dichter ist. Und vermutlich könnte uns das auch völlig egal sein, weil es so wahnsinnig lächerlich und anachronistisch ist.

Wir sollten aber trotzdem jedes Mal kurz wahnsinnig schlechte Laune kriegen und laut schimpfen, wenn mal wieder das falsche Wort "verhandeln" in einer Buchkritik auftaucht. Erstens, damit sich die Rezensenten endlich ein anderes, besseres Wort und somit auch eine andere, bessere Art von Nachdenken über Literatur einfallen lassen. Und zweitens – ein bisschen Alarmismus darf an diesem besonders grauen und windstillen deutschen Wintermorgen sein –, damit wir nicht eines Tages in einer Geistesrepublik aufwachen, die dann keine mehr ist.

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