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Lesart | Beitrag vom 01.07.2020

Max und Moritz-Preis für die besten ComicsSensible Bildergeschichten

Von Regina Voss

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Im Panel aus "Der Umfall" kauert sich der Protagonist unter einer Decke zusammen und will nach Hause. (Avant Verlag / Mikael Ross)
In "Der Umfall" schildert Mikael Ross, wie ein behinderter Junge nach dem Schlaganfall seiner Mutter sein Zuhause verliert. (Avant Verlag / Mikael Ross)

Themen wie Kindstod oder geistige Behinderung haben längst Einzug in Comics gehalten. Autoren wie Mikael Ross oder Tina Brenneisen setzen sie sensibel und auch humorvoll um. Beide stehen auf der Nominiertenliste für den Max und Moritz-Preis.

Der Max und Moritz-Preis gilt als wichtigste Auszeichnung für grafische Literatur und Comic-Kunst im deutschsprachigen Raum. Er wird seit fast 40 Jahren durch eine von der Stadt Erlangen berufene Jury vergeben – in sehr unterschiedlichen Kategorien wie "Das beste Comic für Kinder und Jugendliche", "Der beste deutschsprachige Comic" oder auch "Bester internationalen Comic". 25 Titel gehen ins Rennen - hier die Nominierten im Überblick.

Konsequente Perspektive

Die Literaturkritikerin Regina Voss hat für sich zwei Favoriten ausgemacht: "Der Umfall" von Mikael Ross und "Das Licht, das Schatten leert" von Tina Brenneisen. Mikael Ross erzählt von Noel, einem Jungen mit geistiger Beeinträchtigung. Er lebt sehr innig mit seiner "Mumsi" zusammen, der Mutter. Die fällt aber eines Tages um - der titelgebende Umfall - und erleidet einen Schlaganfall. Weil sie ihren Sohn nicht mehr betreuen kann, muss der in ein inklusives Dorf mit 800 Menschen umziehen, die alle geistige Beeinträchtigungen oder Mehrfachbehinderungen haben.

Der Comicautor Mikael Ross. (Deutschlandradio/Mareike Knoke)Der Comicautor Mikael Ross gehört mit "Der Umfall" zu den Nominierten. (Deutschlandradio/Mareike Knoke)

Was Regina Voss gut gefällt: "Mikael Ross macht nimmt ganz konsequent die Perspektive von Noel ein. Eine gute Entscheidung, dadurch spielt die Beeinträchtigung von Noel und der anderen gar keine Rolle."

Man merke dem Text an, dass Mikael Ross vor Ort, in dem Dorf, das es ja tatsächlich gebe, lange recherchiert habe. Auch optisch überzeugt Ross' Comic unsere Kritikerin: "Alles ist mit Buntstift gezeichnet, was eine große Lebendigkeit erzeugt: Man sieht den Strich, den Ross aufs Papier gebracht hat: Stark, kräftig oder auch vorsichtig. Das unterstreicht den Inhalt."

Tabuthema Totgeburt

In "Das Licht, das Schatten leert" wiederum versucht Tina Brenneisen, den Tod ihres Sohnes zu verarbeiten. Sie wagt sich an das Tabuthema Totgeburt. "Ohne jegliche Distanz. Sie und ihr Freund leben nach dem Trauma zunächst sehr zurückgezogen, Vorhänge zu – der Weg zur Mülltonne, ein Horrortrip, wenn man die Nachbarin trifft und die dann fragt, was es denn nun geworden ist", beschreibt Regina Voss die Situation der Comicautorin. "Die Gedanken hängen im Konjunktiv fest: Sie haben das Dasein als Eltern ja erträumt und natürlich auch geplant und vorbereitet."

Im Panel aus "Das Licht, das Schatten leert" ist die Protagonistin bei einem melancholischen Spaziergang zu sehen. (Edition Moderne / Tina Brenneisen)In "Das Licht, das Schatten leert" verarbeitet Tina Brenneisen das Trauma der Totgeburt ihres Sohnes. (Edition Moderne / Tina Brenneisen)

Obwohl es um ganz unterschiedliche Themen gehe, sei beiden Comicautoren ein ausgesprochen feiner Blick für das Innenleben ihrer Figuren, gemeinsam, sagt Voss. "Beide finden sehr gekonnt Bilder, um innere seelische Zustände zu beschreiben." Mikael Ross etwa arbeite mit den Körperformen seiner Protagonisten, lasse Gesichter verformen: "Das Innere kehrt sich hier wirklich nach außen."

Tina Brenneisen dagegen erfinde Bild-Metaphern, die unter die Haut gingen: "Ein Sarg anstelle ihres eigenen Bauches. Ein See wird mit Steinen gefüllt. Das hat mich sehr berührt."

(mkn)

Mikael Ross: "Der Umfall"
avant-Verlag, 2018, 128 Seiten, 18 Euro
Tina Brenneisen: "Das Licht, das Schatten leert"
Edition Moderne, 2019, 240 Seiten, 29 Euro
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