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Fazit | Beitrag vom 29.11.2019

Max-Pechstein-Ausstellung in TübingenDer Tanz und das pralle Leben

Nicole Fritz im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Eine tanzende Frau. Im Hintergrund eine Menschenmenge. (2019 Pechstein - Hamburg/Tökendorf)
Die Schau spannt einen weiten Bogen: Das erste Gemälde hat Pechstein 1909 gemalt, das letzte 1951. Dieses hier mit dem Titel "Tänzerin in einer Bar" entstand 1923/31. (2019 Pechstein - Hamburg/Tökendorf)

Der expressionistische Maler Max Pechstein hat sich in seinem Werk mit verschiedenen Formen des Tanzes beschäftigt. Dabei ging es ihm mehr um die Bewegung als um die dargestellten Personen. Eine Ausstellung in Tübingen zeigt nun seine Skizzen.

Von jeher hat der Tanz in all seinen Ausprägungen die Kunst inspiriert, sei es zur Komposition dazu passender Musik oder zu Gemälden, mit denen diese besonderen Momente körperlicher Interaktion festgehalten werden sollten. Auch der Expressionist Max Pechstein war fasziniert vom Tanz, wie man in einer aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen sehen kann.

Ein zeitgenössischer Kunstkritiker habe einmal gesagt, der Tanz sei ein Symbol für den ganzen Pechstein, erklärt Nicole Fritz, die Direktorin des Museums. Gemeinsam mit Annika Weise hat sie die Ausstellung "Tanz! Max Pechstein: Bühne, Parkett, Manege" kuratiert. Der Untertitel verweist schon auf den Schwerpunkt dieser Ausstellung. Max Pechstein habe sich nämlich auch sehr für periphere Tanzdarstellungsformen, wie sie im Zirkus oder Varieté dargeboten werden, sowie für den Ausdruckstanz interessiert, erklärt Fritz. Kurz: Er war alles andere als elitär in seiner Haltung zum Tanz.

Auf Skizzenblöcken Emotionen festhalten

Max Pechstein wurde 1881 in Zwickau geboren und lebte ab 1908 in Berlin. Er war Mitglied der Künstlervereinigung Brücke und der Berliner Secession. In einer Zeit, in der es noch kein Fernsehen gab, saßen Künstler wie Pechstein mit ihren Skizzenblöcken in Veranstaltungen und hielten so das Gesehene fest.

Erst im Studio übertrugen sie ihre Zeichnungen mit Farbe auf größere Leinwände. "Der Schwerpunkt unserer Ausstellung liegt eben genau in dieser Unmittelbarkeit der Skizze und Grafik. Man hat viele Beispiele, wie er vor Ort war und im Circus Sarrasani oder Apollo-Theater saß und mitskizziert hat", erklärt die Kuratorin.

Zudem beschreibt sie Pechstein als einen sehr lebenslustigen Menschen, der das "pralle Leben" in verschiedensten Varianten studiert habe. So landete der expressionistische Maler auch einmal in der Südsee, genauer: auf Palau, wohin er auf der Suche nach Ursprünglichkeit gereist war und wo er indigene Tänze skizzierte. 

Bewegter Körper wird Zentrum der Kunst

Pechstein war eben auch ein Kind seiner Zeit, wie Fritz erklärt: Zu Beginn des letzten Jahrhunderts waren die Schriften Friedrich Nietzsches prägend - genauso wie die Reformbewegung. Vor allem handelte es sich um eine Zeit, in der der Wunsch, sich aus dem wilhelminischen Korsett zu befreien, überall zu spüren war. Jugendliche Künstler gingen hinaus in die Natur, fertigten vor Ort Skizzen an und erklärten den bewegten Körper zum Zentrum ihrer Kunst.

"Es gibt in unserer Ausstellung ein wunderbares Bild: 'Knabe in der Brandung'. Da sieht man förmlich, wie sich die jungen Leute die Kleider vom Leib reißen." Diese Kleider stehen für die engen Konventionen der Zeit. Doch "man will zurück zur Natur, zur Emotion. Und die Expressionisten haben ihre inneren Emotionen in Farbe und Form zum Ausdruck gebracht und sie waren fasziniert vom bewegten Körper, den sie in vielen Bereichen studiert haben."

Von Jugendstil bis Stillleben

Die Schau spannt einen weiten Bogen: Das erste Gemälde hat Pechstein 1909 gemalt, das letzte 1951. Man kann einen deutlichen Wandel in seinem Stil erkennen. In seinem ersten Ölgemälde, das er 1909 zum Thema Tanz malte, sind die Einflüsse von van Gogh, Matisse und den Fauves zu erkennen, wie Fritz erklärt. 

"Der Tanz" zeigt zwei Frauen in Bewegung - im Paartanz. "Es ist gar nicht so wichtig, wer dargestellt wird, oder der Hintergrund, sondern die Bewegung." Diese zwei Körper und die Farben sind sehr von den Fauves inspiriert, "das ganze Bild ist aus den Farben heraus aufgebaut".
 Zwei miteinander tanzende Frauen (2019 Pechstein - Hamburg/Tökendorf / Foto: Roman März)Auch in diesem schlicht "Tanz" genannten Gemälde aus dem Jahr 1909 liegt der Fokus auf den Bewegungen der beiden miteinander tanzenden Frauen, nicht in deren Gesichtern oder Aussehen. (2019 Pechstein - Hamburg/Tökendorf / Foto: Roman März)
Die ersten Skizzen seien noch vom Jugendstil geprägt, so Fritz weiter, dann sei ein Wechsel zum Expressionismus zu verzeichnen: "Man sieht, wie das Großstadtleben Berlin ihn prägt und es eine beruhigtere Strichführung gibt." Sein Stil sei dann eher sachlich, Tanzdarstellungen gebe es nur bis in die 30er-Jahre hinein.

"Danach legen sich auch für Pechstein Schatten über sein Werk. Er wird denunziert, er ist als 'entarteter Künstler' später Diffamierung ausgesetzt. Das zeigt sich auch daran, dass dann keine Tanzdarstellungen in seinem Werk mehr zu finden sind, vor allem Stillleben und Landschaften. Das letzte Werk ist eine Erinnerung an die Palau-Zeit. Weil viele der Werke von dort nicht nach Europa zurückgekommen sind, malte er sie aus der Erinnerung."

Tanz! Max Pechstein: Bühne, Parkett, Manege
Kunsthalle Tübingen
30.11.2019 – 15.03.2020
In Kooperation mit den Kunstsammlungen Zwickau,
Max Pechstein Museum

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