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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.09.2016

Max Frisch zum Saisonauftakt"Der Mensch erscheint im Holozän" am Deutschen Theater

André Mumot im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Eine Szene aus "Der Mensch erscheint im Holozän" von Max Frisch, inszeniert am Deutschen Theater in Berlin. (Imago Stock & People)
"Der Mensch erscheint im Holozän": Frischs Endzeitmeditation könnte zum glanzvollen Saisonauftakt am Deutschen Theater werden. (Imago Stock & People)

Der Schweizer Regisseur Thom Luz bringt im Deutschen Theater in Berlin eine Erzählung von Max Frisch auf die Bühne: "Der Mensch kommt aus dem Holozän". Subtilität statt Spektakel scheint dabei das Motto zu sein für den Auftakt der neuen Spielzeit.

Zur Spielzeiteröffnung wird meistens aus allen Rohren gefeuert: Große zeitgenössische Stoffe bringt man zu diesem Anlass besonders gern auf die Bühne, aufwändige Stücke, die gleich programmatisch auf das vorausweisen, was in den kommenden Monaten den Spielplan füllt.

Am Deutschen Theater Berlin aber startet man auf ungleich subtilere Weise in die neue Saison - mit einem Stoff, der kaum unspekatulärer sein könnte.

Audio: 

Max Frischs kantig leise Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän" aus dem Jahr 1979 steckt den Rahmen ab: Es ist die Geschichte eines alten Mannes, der sich in einem abgelegenen Bergdorf in Katastrophenszenarien hineinsteigert. Es hört nicht auf zu regnen, der Strom fällt aus, und Herr Geiser wartet auf den Erdrutsch, der das kleine Stückchen Zivilisation inmitten des unwirtlichen Gesteins dem Erdboden gleichmachen wird. Die Zeit verbringt er damit, Lexikoneinträge und Bibelzitate zu studieren und abzuschreiben. Ansonsten bleibt ihm nur, zu warten.

Schauspielstar Ulrich Matthes spielt mit

So still, so privat wie dieser Stoff daherkommt, so ideal geeignet ist er doch für Regisseur Thom Luz. 1982 in Zürich geboren, ist Luz Shooting-Star und Spezialist für die musikalisch sanfte Aufarbeitung von theaterfremden Texten. Mit seinem "Archiv des Unvollständigen" (entstanden 2014 am Staatstheater Oldenburg) und dem "Atlas der abgelegenen Inseln" (Staatstheater Hannover, 2014), mit dem er zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, hat er eindrucksvoll bewiesen, dass er das Spröde ins Poetische verwandeln kann, das er aus sachlichen Texten fein gestrickte musikalische Revuen zu entwickeln weiß. Frischs Endzeitmeditation könnte also doch zum glanzvollen Saisonauftakt werden, zumal zugkräftige Stars wie Ulrich Matthes und Judith Hofmann die Besetzungsliste anführen.


Rezension von André Mumot:

Es bleibt alles ruhig an diesem ersten Abend in der neuen Spielzeit am Deutschen Theater Berlin, sehr ruhig. Keine wirkliche Überraschung, hat das Haus doch den Schweizer Regie-Shooting-Star Thom Luz dazu verpflichtet, ausgerechnet Max Frischs karge Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän" zu adaptieren.

Luz ist Experte für theaterfremde Texte, dafür, das Sachliche in poetische Schwingungen zu verstzen, etwa Judith Schalanskys "Atlas der abgelegenen Inseln" - eine Inszenierung mit der er 2015 auch am Berliner Theatertreffen teilgenommen hat. Bei der Frisch-Erzählung nun geht es ums Vergessen, um Lebensabschied und Entfremdung. Ein alter Mann lebt allein im Gebirge, fürchtet, vom nächsten Erdrutsch verschüttet zu werden und sammelt manisch Ausschnitte aus Sachbüchern, Lexika und der Bibel, während er zusehends sein Gedächtnis verliert.

Eine Übung in Trostlosigkeit

Ulrich Matthes spielt den Alten, lange noch mit dem Rücken zum Publikum, als einen, der staunend, wehmütig, bitter ins Nichts hineinschaut. Die Bühne ist kühl und weiß und in dicke Nebelschwaden gehüllt, durch die die fünf anderen Mitspieler als bloße Projektionsfiguren geistern, als Stimmen aus einem Kopf, der nichts mehr recht zuzuordnen weiß.

Luz arrangiert das mit seiner üblichen Präzision, setzt Musik und Lieder ein, als trauervolle Zeichen und als humorvolle Einsprengsel. Das funktioniert sehr gut in der ersten Hälfte des Abends, macht den Weltverlust zum perfekt choreografierten Spiel der kleinen, bedeutsamen Gesten und Effekte.

Im weiteren Verlauf aber geht nicht nur die Hauptfigur im Nebel und der Trostlosigkeit unter. Immer mehr Gazevorhänge senken sich zwischen dem alten Mann und dem Publikum, und was anfangs erschüttert, rückt nun einfach nur immer weiter vom Betrachter ab.

Werktreu mag es sein, bleibt jedoch in letzter Konsequenz spröd schöne Künstlichkeit. Die Besinnung auf die Welt- und Erdgeschichte, in der der Mensch als kleines, bald verlöschendes Licht herumirrt, erscheint als Exerzitium in ungebrochener Trostlosigkeit, als schweres Theaterstöhnen, dem das Leben zu früh ausgeht, um es noch als kostbaren Verlust aufleuchten lassen zu können.

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