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Kompressor | Beitrag vom 27.04.2021

Max Dax: "Dissonanz"Eine absurde Männerbund-Geschmackselite

Von Stefan Mesch

Ein schwarzes Cover, auf dem groß das Wort "Dissonanz" steht (Merve Verlag/Deutschlandradio)
Für 2010 angekündigt, aber doch erst jetzt auf dem Markt: der Roman "Dissonanz" des früheren Spex-Chefredakteurs Max Dax. (Merve Verlag/Deutschlandradio)

Rückblende ins Jahr 2009: Max Dax bloggt über seine letzten Monate als Chefredakteur der "Spex". Daraus ist nun ein Roman geworden. Es geht um Rezepte, Pop und Kino. Selbstzweifel und Familie haben wenig Raum - trotzdem ist das Buch lesenswert.

Was ist so toll an einer Band? An einem Fischgericht oder einem Pastarezept? An einem Technofestival in Turin? Einem Atelier in Sizilien? Max Dax, geboren 1969, ist Kunst- und Musikjournalist, DJ, Interviewer - und Ästhet. Mit pointierten, sehr bildstarken und geschmäcklerischen Texten half er der Musikzeitschrift "Spex" durch schwierige Jahre: Als der Verlag entschied, den Redaktionssitz von Köln nach Berlin zu legen, kündigte das komplette Team.

Von 2007 bis 2010 verantwortete Dax den Berliner Neustart. Bis fast zum Ende dieser Zeit, von Mai 2009 bis Mai 2010, erschien auf Spex.de sein Blog "Dissonanz", bevor er dann im Herbst den Posten räumte.

Bis zur Veröffentlichung hat's lang gedauert

Schon im Mai 2010 meldete die taz: "Im Herbst erscheint Dax' erster Roman: 'Dissonanz - der schwarze Blog'". Es brauchte zehn Jahre, bis das Buch fertig war - mit großen Ergänzungen, Erweiterungen im Vergleich zur (mittlerweile gelöschten) Netzversion. Und einem neuen Untertitel: "Ein austauschbares Jahr. Roman".

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"Austauschbar" gilt sicher nicht für Dax' persönliches Erleben zwischen 2009 und 2010: Nach einer Trennung bleibt die namenlose Partnerin noch so lange in Dax' Wohnung, dass er über Monate an wechselnden Orten schläft und mit zwei, drei konturlos, vage beschriebenen Frauen ins Programmkino oder Fischrestaurant geht.

Teures Essen statt Selbstzweifel

Als Spex-Chef ist ihm unklar, wie er seine Ansprüche und den Erfolg für Geldgeber in "objektive" Tabellen, griffige Zahlen übersetzen soll. Nebenher versucht Dax, für einen 2013 tatsächlich erschienen Suhrkamp-Band den Filmkünstler Claude Lanzmann ("Shoah") für persönliche Interviews zu gewinnen.

Selbstzweifel, Familie, tiefere Freundschaften, Redaktionsalltag haben im Buch fast keinen Raum. Hier wird vor allem teuer gegessen. Musik hört Dax weit vor der offiziellen Release, sieht Konzerte am liebsten als heimlichen Gig.

Die Seilschaften der Kunstszene, das viele "Ich durfte als erster!" und "Mir hat Christoph Schlingensief anvertraut …!" wirken wie aus Romanen von Leif Randt oder Bret Easton Ellis. Nur sind solche läppische, überhebliche Schnöselfiguren in jenen Büchern viel stärker als Satire markiert.

Begegnung mit einem Stadtfuchs

Wie viel von dem, was "Dissonanz" in prahlerischen, traurig eitlen Häppchen und Notaten festhält, wirklich geschah, soll unklar bleiben: Dax schreibt nicht "ich", sondern erzählt von einem Alter Ego namens "V2 Schneider", in der dritten Person.

Ein paar gesucht poetische Träume und Verfremdungen und vor allem fade märchenhafte Begegnungen mit einem geheimnisvollen "Stadtfuchs" helfen kaum, "Dissonanz" literarischer oder klug auf autofiktional-verspielte Weise wirken zu lassen.

Oft zählt "V2 Schneider" einfach nur auf, welche (Generation-X)-Songs er als DJ auflegt, welche hochwichtigen Männer ihm Interviews geben, wo er Fisch kauft ("Sashimi-Qualität!"), wie man Pasta kocht und kochen muss.

Fremd und weit draußen

Wer nicht eh seit 1977 weiß, dass "V2 Schneider" ein Song von David Bowie ist - eine Anspielung auf den 2020 verstorbenen Kraftwerk-Mitbegründer Florian Schneider - lernt es in "Dissonanz" nicht: Dax' Buch ist eine Einladung, sich fremd und weit draußen zu fühlen. Trostlos, erschlagend im Namedropping und - im Verzicht auf Künstlerinnen, Sängerinnen, Frauenstimmen - bedrückend gestrig und sexistisch.

Trotzdem machen die fast 400 Seiten Freude: weil jede Passage zum Googeln, Recherchieren verführt. Weil sich Dax kurz hält und trotzdem jeden Song, jeden Teller Seeteufelbäckchen in oft origineller Sprache zelebriert. Weil ein humorloser, kalter, unpersönlicher Ich-Erzähler nicht automatisch heißt: ein humorloses, kaltes, unpersönliches Buch.

Eine mit Absurditäten gefüllte Zeitkapsel

Genauso wie Rainald Goetz' "Abfall für alle" (1998 erst als Blog, später als Buch erschienen) mit jedem Jahr als Stimmungs- und Milieuzeitkapsel etwas lesenswerter wird, wirkt auch "Dissonanz" nie "austauschbar": Eine absurde Männerbund-Geschmackselite fand Scooter, Robbie Williams, Blackberry-Handys und De-Cecco-Pasta toll, vor kaum elf Jahren?

Das Thema von "Dissonanz" ist zeitlos: Wer will punkten, womit und vor wem? Dax' Tagebuch zu 2020 bräuchte völlig andere Requisiten, Texturen und Fragen. Woran hättest du selbst deinen erlesenen Geschmack, deinen genauen Blick, deine Besonderheiten öffentlich markiert, 2009 und 2010?

Max Dax: "Dissonanz. Ein austauschbares Jahr. Roman"
Merve Verlag, Leipzig 2021
365 Seiten, 28 Euro

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