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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.02.2019

Matthias Nawrat: "Der traurige Gast"Menschen in ihrem Daseinselend

Von Gabriele von Arnim

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Ein Mann geht einsam auf einer Straße. (Bild: Ashton Bingham/Unsplash, Cover: Rowohlt)
Eine grautrübe Stimmung zieht sich durch Matthias Nawrats Roman. Umso faszinierender die Lektüre, meint unsere Kritikerin. (Bild: Ashton Bingham/Unsplash, Cover: Rowohlt)

Ein namenloser, schemenhaft bleibender Erzähler streift durch die Stadt, landet bei einer polnischen Architektin und kommt mit ihr ins Gespräch. Matthias Nawrats in klarer Sprache verfasster Roman ist von einem weltumfassenden Schmerz getragen.

Ein Mann geht durch Berlin. Er geht aufmerksam, sieht, beobachtet. Fast könnte man denken, er sei ein Flaneur. Doch ganz im Gegensatz zu Baudelaire genießt er es nicht, "im Wogenden, in der Bewegung, im Flüchtigen und Unendlichen" zu sein. Unser Mann ist kein Genießer. Ihm fehlt die Sinneslust. Vielleicht sogar die Lust überhaupt. Zudem hat er beim Gehen ein Ziel. Er will jemanden besuchen, im Supermarkt einkaufen, irgendwo einen Vortrag halten, in eine U-Bahn steigen.

Manchmal schleppt er sich dahin. Weil die Unlust sich ausweitet in eine Melancholie, und er sich nur mühsam dazu aufrafft, sein Sofa zu verlassen, die Straße zu betreten. Aber immer wieder trifft er Menschen. Und hört zu. Vielleicht braucht es eine scheinbar leere Figur, damit andere das Bedürfnis verspüren, ihn mit ihren Geschichten zu füllen.

Polnische Geschichte, polnische Dichter

Wie Dorota es tut, die polnische Architektin, die er aufsucht, weil er und seine Frau angeblich ihre Wohnung umgestalten wollen. Sie kommt aus Opole, wo auch er geboren ist, und erzählt ihm ihr Leben, erzählt von polnischer Geschichte, von polnischen Dichtern. "Kennen Sie", fragt sie − "Nein", antwortet er. Und sie erzählt weiter.

Hin und wieder fragt er nach. Und will manchmal gar nicht wissen, was er zu hören bekommt. Aber er geht dennoch immer wieder zu Dorota, zu Karsten, Eli oder zu Dariusz, der einst Neurochirurg war, bevor das Leben sich gegen ihn wendete oder er sich gegen das Leben − und der nun in einer elenden Souterrainwohnung haust und trinkt.

Der Erzähler bleibt vage

Nawrats Erzähler selbst, der namenlose traurige Gast, bleibt vage in seinen Lebenskonturen. Während wir Dorota und den anderen unter die Haut kriechen und in die Seele äugen, wissen wir von ihm nur, dass er Schriftsteller und verheiratet ist, angeblich glücklich, aber seine Frau lernen wir kaum kennen.

Wir wissen, dass er viel liest und mit vielen seltsamen Fremden auf der Straße redet. Der geheimnisvolle Erzähler zeigt sich in seinen Gedanken, seinen wenigen Fragen und merkwürdigen Reaktionen auf die Lebensgeschichten der anderen. Ungeduld, Wut oder Traurigkeit wallen in ihm auf. Und man kommt als Leser nicht umhin, diesen Menschen aus seinen Reflexen entziffern zu wollen.

Schon nach dem ersten Telefonat mit Dorota hat er ein Unbehagen gespürt, ein Grauen sogar. Ist es genau das, was ihn anzieht, geht er deshalb immer wieder hin? Braucht er die Depression der Architektin, weil sie ihn ablenkt von seiner eigenen?

Eine faszinierende Lektüre

Nawrat zieht uns mit seiner klaren Sprache, seinem fast gleichförmigen Rhythmus, seinen klugen Überlegungen zu Würde, Verantwortung, Hass oder die "dünne Schicht der Wirklichkeit" und mit seinem weltumfassenden Schmerz in eine grautrübe Stimmung, der man nicht entkommen kann und auf keinen Fall entkommen möchte.

Weil die bedrängende Lektüre fasziniert, weil seine Sätze dorthin treffen, wo man nicht gerne hinschauen möchte. In die Widersprüche der Geschichte und der heutigen Gesellschaften, in denen wir leben. Weil seine Figuren so ungemein liebevoll gezeichnet sind in ihrem ganzen Daseinselend.

Matthias Nawrat: "Der traurige Gast"
Rowohlt Verlag, Reinbek 2019
301 Seiten, 22 Euro

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