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Buchkritik | Beitrag vom 02.10.2019

Matthias Gockel: "Sterben"Worte finden im Angesicht des Todes

Von Frank Kaspar

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Buchcover von "Sterben. Warum wir einen neuen Umgang mit dem Tod brauchen" von Matthias Gockel  (Berlin Verlag / Deutschlandradio)
In seinem Buch "Sterben" plädiert der Palliativmediziner Matthias Gockel für eine rechtzeitige Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben und Tod. (Berlin Verlag / Deutschlandradio)

Wir sollten lernen, über den Tod zu sprechen, sagt der Arzt Matthias Gockel, sonst überlassen wir anderen die Entscheidung darüber, wie wir sterben. Das Streben nach Heilung um jeden Preis verhindere oft ein würdiges Ende.

Ein Seminar für künftige Ärztinnen und Ärzte: Der Kursleiter teilt an alle Beteiligten je fünf Karteikarten aus und fordert sie auf, darauf zu schreiben, was ihnen im Leben besonders viel wert sei: die wichtigste Person, einen kostbaren Gegenstand, eine Fähigkeit, auf die sie stolz sind, eine körperliche Eigenschaft, die ihnen lieb ist, einen Traum, den sie sich noch erfüllen wollen.

Auch Ärzte schrecken vor dem Thema Tod zurück

Dann sollen alle eine Karte abgeben. Dann noch eine. Und noch eine. Ein hässliches Spiel, bei dem es nichts zu gewinnen gibt, so scheint es. Der spekulative Ausblick auf Verlust und Tod lasse niemanden ungerührt, schreibt der Mediziner Matthias Gockel in seinem Buch über das Sterben. Auf einer der letzten beiden Karten stehe fast immer der Name der wichtigsten Person.

Gockels Fachrichtung ist die Palliativmedizin. Er behandelt schwer erkrankte Menschen, die keine gute Aussicht auf Heilung haben. Oft sei er der erste, der ihnen eröffne, dass sie an ihrer Krankheit sterben könnten, so der Autor. Denn nicht nur Patientinnen und Patienten schreckten vor dieser Aussicht zurück:

"Halte es für möglich, dass dein Arzt beim Thema Sterben und Tod noch mehr Angst hat als du; dass er heilfroh ist, wenn du ihn damit nicht behelligst."

Hoffnung rechnet sich

Viele Ärztinnen und Ärzte fassten den Tod geradezu als persönliche Beleidigung auf, schreibt Gockel: "Weil sie gut darin sind, Leben zu retten, halten sie es manchmal kaum aus, wenn ihnen das nicht gelingt."

Doch in seinem Buch nennt er weitere Gründe, aus denen Mediziner ihren Patienten lieber Hoffnung machen, statt eine schlimme Diagnose anzusprechen: Stellt der Arzt eine weitere Therapie in Aussicht, ist das Gespräch schnell beendet, der Patient dankbar, die Behandlung geht weiter.

Ein offener Austausch über den Ernst der Erkrankung würde anders verlaufen. Ein solches Gespräch erfordert Mut, sich existenziellen Fragen im Angesicht des Todes zu stellen – und Zeit, die sich in den Honoraren von Ärztinnen und Ärzten nicht niederschlägt. Hoffnung rechnet sich.

Sich rechtzeitig mit dem Tod auseinandersetzen

Die Entscheidung, ob es ratsam ist, weiter um das Leben eines Menschen zu kämpfen, oder auf Therapien zu verzichten, die so gravierende Einschränkungen der Lebensqualität zur Folge hätten, ist in jedem Einzelfall schwer zu treffen. Was zu gewinnen ist, wenn frühzeitig auch eine palliative Versorgung in Betracht gezogen wird, zeigt Gockel anhand von Momentaufnahmen aus seiner 20-jährigen Berufspraxis:

Ein Krebspatient, Ende vierzig, wird durch ein ambulantes Palliativ-Team und mit Hilfe seiner Familie zu Hause versorgt. An seinem letzten Abend sitzt er mit seiner Tochter in der Küche und es entspinnt sich ein langes Gespräch über ihre gemeinsame Zeit und über die Jahre, die vor ihr liegen.

So einen bewussten Abschied kann auch die Palliativmedizin niemandem garantieren. Aber Beispiele wie diese unterstreichen Matthias Gockels Appell, sich rechtzeitig mit dem eigenen Lebensende auseinanderzusetzen und Angehörige und Freunde dabei mit einzubeziehen. Wer sein erfahrungsgesättigtes Buch dafür zum Anstoß nimmt, kann eine Menge gewinnen.

Matthias Gockel (mit Oliver Kobold): "Sterben. Warum wir einen neuen Umgang mit dem Tod brauchen. Ein Palliativmediziner erzählt"
Berlin Verlag, Berlin 2019
272 Seiten, 22 Euro

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