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Tonart | Beitrag vom 18.02.2021

Matthew Herbert zum Brexit"Die Musik wird leiden, insbesondere der Underground"

Matthew Herbert im Gespräch mit Andreas Müller

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Matthew Herbert auf der Bühne (imago images / Horst Rudel)
So sah es aus, als Matthew Herbert noch entspannt durch Deutschland touren konnte. (imago images / Horst Rudel)

Matthew Herbert ist ein Musiker für spezielle Aufgaben. Vor ein paar Jahren hat der Brite ein Schwein von der Geburt bis zum Schlachter begleitet. Auch mit dem Brexit hat Herbert sich musikalisch auseinandergesetzt: Auf eine ganz eigene Art.

Andreas Müller: Als klar wurde, dass es zum Brexit kommt, hat Matthew Herbert, ein großer Befürworter der EU, für das Album "The State Between Us" mit rund 1000 Musikerinnen und Musikern aus ganz Europa zusammengearbeitet. So klang das Ergebnis:

Müller: Jetzt, nach dem EU-Austritt, werden die Folgen des Brexit immer konkreter und spürbarer. Und so hat auch Matthew Herbert ein paar Tracks auf dem Album bearbeitet – sozusagen eine Post-Brexit-Version erstellt.

Ein Sound der Einsamkeit

Müller: Es wird zwar noch gesungen an manchen Stellen, aber der Großteil der Musik ist weg. Alle europäischen Musikerinnen und Musiker hat Matthew Herbert in der Neubearbeitung seines Brexit-Albums entfernt. Was bleibt, nachdem Sie all die Europäer entfernt haben, sind ein paar vereinzelte Gesangslinien, Instrumente und Field Recordings. Es entsteht ein Sound der Isolation und Einsamkeit.

Wir wissen, dass Musikerinnen und Musiker, die aus Großbritannien raus- oder reinwollen, voraussichtlich große Probleme kriegen werden an der Grenze. Ihre Neubearbeitung ist eine Anspielung darauf, oder? 

Matthew Herbert: Als ich an der Platte zu arbeiten begann, gab es den Wunsch nach einer Art Optimismus, und es gab den Wunsch, die ganze Sache mit dem Brexit zu ignorieren und komplett abzulehnen. Im Sinne von "Bist du ein Brexit-Befürworter oder Brexit-Gegner?". Das war eine große Frage in England in den letzten drei, vier Jahren.

Als ich das Projekt mit der Brexit Big Band startete, habe ich diese Frage abgelehnt, weil sie nichts mit der Realität zu tun hat und nicht wirklich den Kern der Sache trifft – und die Probleme in unserer Gesellschaft. Die Geschichten, die uns über Europa erzählt wurden und über das Verhältnis von Großbritannien zum Kontinent, waren einfach nicht wahr. Ich habe das abgelehnt und wollte etwas schaffen, das optimistisch ist.

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Aber es ging gleichzeitig auch darum, die Idee zu leben – die Idee von Kollaboration, von Freundschaft und Kreativität, die Grenzen überschreitet. Nicht zu vergessen: Es ging auch natürlich um Freude bei der Sache. Aber ja, jetzt sind seitdem vier, fünf Jahre vergangen. Die Situation ist schlecht und beunruhigend. Ich wollte das Album noch einmal neu präsentieren und einen frischen Blick darauf wagen. Inzwischen sind ja zwei Jahre vergangen, seitdem das Album mit der Brexit Big Band damals rausgekommen ist: Ich habe mich gefragt, wie würde sich die Musik heute anhören? Wie unterscheidet sie sich von damals?

Und: Was denken wir heute über den Brexit, was ist unsere Haltung heute dazu? Ich wollte gern demonstrieren, was in der Zwischenzeit passiert ist – also die Abwesenheit all dieser Leute. Wir haben mit mehr als 1000 Musikern und Sängern auf dem Album gearbeitet. 98 Prozent davon waren Europäer vom Kontinent, sie kamen also nicht aus Großbritannien.

Als ich sie aus der Musik auf dem Album entfernte – was ja dem Jetzt-Zustand entspricht, dann hätte ich heute die Idee und das Projekt so nicht umsetzen können– zeigte mir das, wie das Album heute klingen würde. Wissen Sie, es ist eine Sache, zu sagen, weshalb der Brexit problematisch ist, aber es ist viel eindrücklicher, das tatsächlich an einem Beispiel zu zeigen. 

"Vielleicht war es das jetzt erst mal"

Müller: Was macht Ihnen denn am meisten Sorgen, wenn Sie als Brite ans Auftreten in der EU denken? Dass voraussichtlich jedes noch so banale Kabel einzeln deklariert werden muss, oder dass kostspielige Arbeitsbewilligungen nötig werden?

Herbert: Ich habe gerade heute gedacht, vielleicht ist es einfach vorbei damit. Ich bin in den letzten 25 Jahren kreuz und quer durch Europa gereist. Ich war aus Rücksicht auf die Umwelt mit dem Zug unterwegs. Ich bin durchschnittlich vielleicht zweimal im Monat auf den Kontinent gereist.

Und ich dachte jetzt gerade, vielleicht war es das jetzt erst mal, bis wir in 20 Jahren vielleicht wieder in der EU sind – davon gehe ich fest aus, wenn es die EU dann noch gibt. Das ist unheimlich traurig, wenn man so darüber nachdenkt. Ich denke, viele Musiker wollen das nicht wahrhaben und haben das deshalb ausgeblendet, als ob nichts wäre. Es fühlt sich merkwürdig an.

Meine Arbeit als DJ ist wahrscheinlich einfacher, weil ich als DJ mit USB-Sticks, einem Computer und ein paar Platten reise. Das Equipment ist also überschaubar, wenn ich als DJ arbeite und nicht mit einem Orchester. Das wird schon gehen, aber es wird komplizierter mit Arbeitserlaubnissen und so weiter. Mit den Steuern wird es auch schwierig. Ich verliere jetzt 20 Prozent meiner Einnahmen durch die Steuern und meine Kosten werden gleichzeitig steigen. 

Aus Sicht der Promoter verändert sich auch etwas: Warum sollte man jemand aus Großbritannien buchen? Ich rechne damit, dass ich noch 5 oder 10 Prozent der Shows geben kann, die ich vorher gemacht habe. Die Musik wird leiden, insbesondere der Underground und die kleinen Bands. Viele größere Festivals gerade in Europa sind Kooperationen mit großen Sponsoren aus der Tabak- und Autoindustrie oder aus der Bierbranche eingegangen. Wenn man höhere Einnahmen hat, hängt das meist mit diesen Sponsoren zusammen.

Diese Events wird es weiter geben. Aber kleinere Festivals, wo es um neue Musik geht und mehr experimentiert wird, werden unter die Räder kommen. Aus britischer Sicht wird diese Szene leiden.

"Wir haben eine furchtbare Regierung"

Müller: Die britische Popmusik war, so lange es sie gibt, immer ein wichtiges Exportgut, und das spielte dann auch wirtschaftlich durchaus eine Rolle. Ausnahmeregeln für tourende Musikerinnen und Musiker wurden aber nicht geschaffen. Was meinen Sie, welchen Stellenwert hat Musik für die britische Politik und für die EU?

Herbert: Ich fühle mich nicht betrogen. Überhaupt nicht. Die ganze Sache mit dem Brexit basiert auf einer Fantasie aus dem rechten Lager. Diese Fantasie und diese Ideen gab es leider immer. 

Die Kreativbranche in Großbritannien beschäftigt dreimal so viele Leute wie der Finanzsektor. Und wir bringen fast genau so viel Geld ein in Hinblick auf das Bruttoinlandsprodukt. Es ist also ein großer, gewichtiger Teil der britischen Wirtschaft. 2019 haben die Kreativbranchen Großbritannien vor einer Rezession bewahrt. Das war ihr Verdienst. Was ich damit sagen will, es gibt ökonomische Gründe, sich um uns zu kümmern. Und dann gibt es natürlich den kulturellen Wert. 

Wir haben eine furchtbare Regierung, der Brexit ist furchtbar, und wir haben viel rechte Presse in Großbritannien, die Lügen über Ausländer, die EU und die Immigration verbreitet hat. Vor diesem Hintergrund war die Entwicklung absehbar und deshalb kann ich mich gar nicht betrogen fühlen. 

Die britische Regierung ist nicht interessiert an Kunst, an Zusammenarbeit und an verschiedenen Perspektiven.

Sie ist nicht weit entfernt von einer "White Supremacist"-Version der Republikaner in den USA. Wir werden aufgefordert, die Denkmäler von Sklavenhaltern nicht weiter zu stürzen. Sie halten an einer weißen, kolonialen Version von Großbritannien fest. Musik, Kreativität und Diversität passen nicht in diese Erzählung. Beim Brexit ging es um Identität. Warum sollte Boris Johnson an einer diversen Musikszene und -gemeinschaft interessiert sein? Er hat damit nichts am Hut, er kommt nicht zu Konzerten. Er ist nicht in dieser Szene unterwegs. Er hat nie eine Rede dazu gehalten oder nur über das Thema gesprochen. 

Die Entwicklung mit dem Brexit war absehbar. Ich habe mit mehr Leuten darüber in Deutschland gesprochen als in Großbritannien. Wir hätten als Gemeinschaft vor vier, fünf Jahren zusammenkommen sollen. Jetzt fühlt es sich so an, als ob es zu spät ist.

"Ich bin im Grunde meines Herzens ein Optimist"

Müller: Sie sind keiner, der den Kopf in den Sand steckt. Aber zum Schluss muss ich doch mal fragen: Wie blicken Sie in die Zukunft? Optimistisch? Pessimistisch?

Herbert: Das ist wirklich im Moment schwer zu beantworten. Brexit ist ein Nebenschauplatz im Vergleich zur Klimakrise. Die Klimakrise ist das größte Problem, das wir haben. In den USA ist Trump aus dem Amt gewählt. Das ist Grund für Optimismus. Ich sehe eine jüngere Generation, die sozial und politisch wirklich engagiert zu sein scheint.

Diese Generation hat nicht die Möglichkeiten, die ich hatte. Meine erste Wohnung in London hat mich 30.000 Pfund gekostet. Die gleiche Wohnung würde einen heute 300.000 kosten. Die jungen Leute heute haben keine Sicherheiten und Absicherungen, aber sie sind politisch engagiert. Sie sind toleranter, was Diversität angeht, und sie sind sensibler in Bezug auf Rassismus.

Ich bin deshalb optimistisch und positiv gestimmt, was die junge, nachwachsende Generation angeht. Leider ist nur gerade noch eine andere Generation am Zug, weswegen ich gleichzeitig besorgt bin.

Ich denke, die Rolle von Künstlern ist es, sich die Zukunft vorzustellen und diese Vision zu verwirklichen. Ich bin im Grunde meines Herzens ein Optimist. Ich glaube, dass ich die Welt verändern kann, indem ich etwas Kreatives schaffe und Leute zusammenbringe. Das fühlt sich optimistisch an, dass man die Zukunft nach den eigenen Vorstellungen entwerfen kann und diese Vorstellung dann versucht umzusetzen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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