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Religionen / Archiv | Beitrag vom 29.03.2014

Mathematik und KirchenbauGoldener Schnitt und Heiliger Geist

Über die "Heilige Geometrie" in sakralen Räumen

Von Peter Kaiser

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Blick auf die gewaltige Gewölbedecke der Schlosskapelle im Residenzschloss Dresden (picture alliance / dpa)
Blick auf die gewaltige Gewölbedecke der Schlosskapelle im Residenzschloss Dresden (picture alliance / dpa)

Im Inneren einer gotischen oder barocken Kirche hat der Mensch oft spontan das Gefühl, zur Ruhe zur kommen. Er erliegt dabei der Wirkung ausgefeilter geometrischer Konzepte, die der Raumgestaltung zugrunde liegen.

Deutscher Gläubiger: "Chartres ist ein Urerlebnis. Das öffnet Augen und Sinne, und bringt ein völlig neues Gespür für etwas, was wir Mittelalter nennen."

Weiterer deutscher Gläubiger: "Es ist klar, das sind Spitzbögen und das sind Kraftübertragungen, und das sind gewaltige Steine. Und das ist gigantisch, wie haben die das in die Höhe gebracht. Die würden im Grunde ja alle wieder runterfallen. Und die haben das mit trickreichen Methoden und Konstruktionen in der Höhe gehalten. Warum die Masse, frage ich mich?"   

Die Begeisterung, die der deutsche Manager Hans Morawa nach der Morgenandacht in der Kathedrale von Chartres empfindet, ist echt. Doch sie ist auch mehr oder weniger der kalkulierte Effekt  einer uralten Planung.   

Christine Götz: "So ein Bau wie Notre Dame in Paris oder Chartres und so weiter, das lebt von der Geometrie."

Auch die Berliner Kunsthistorikerin Christine Goetz wird bei ihren Führungen in den Sakralbauten Berlins immer wieder Zeugin des Staunens und eines ehrfürchtigen Gefühls, das sich bei den Besuchern einstellt. Dabei ist die oft als heilig bezeichnete, oder versteckte, manchmal auch hermetisch genannte Geometrie uralt.

Christine Götz: "Das ist eine Sache, die es schon lange vor dem Christentum gegeben hat."

Dreieck, Kreis, Stern - Symbole für das Geheimnis des Weltganzen

Also in vorchristlichen Sakralbauten wie etwa den Pyramiden …

Christine Götz: "Und das Christentum, besonders im Mittelalter, in der Hochscholastik, hat dann diese Formen, das Dreieck, der Kreis, den Stern mit Bedeutung aufgeladen. Es ist eine ganz, ganz alte Idee des Kirchenbaus. Von den Berechnungen und dem Buch der Weisheit, da kommt es letztendlich her."

Sprecherin: "Du, Herr, hast alles nach Maß, Zahlen und Gewicht geordnet und deine Macht ist unvergleichlich ..."  (Apokryphen, Buch der Weisheit / Die Weisheit Salomos, Kapitel 11)

Christine Götz:"Ein Lob der Schöpfung. Also es gilt ja für Pflanzen, fürs Obst und so weiter, alles hat ja diese geometrischen Grundstrukturen. Deswegen gibt’s ja nun auch ganz viel Mystik dazu, und die Anthroposophie."

Der Ursprung der Heiligen Geometrie liegt in den Anfängen der Mathematik selbst. Man rechnet sie zum Kanon der klassischen Weisheitslehren der Antike. Ihre Basiswerkzeuge sind das Lineal und der Zirkel, damit lassen sich Körper oder Figuren zeichnen, die in allem vorkommen - in biologischen Zellen ebenso wie in Atomen, im Aufbau der Galaxien, in musikalischen Kompositionen, im Bau der Pyramiden. Auf die Frage, was mit Heiliger Geometrie  gemeint ist, antwortet Hans Cousto, Autor des Buches "Die kosmische Oktave": 

"Bei der Heiligen Geometrie geht es eigentlich auch darum, einfache mathematische Gegebenheiten so zu nutzen, um sie ästhetisch schön anzuordnen, und um das Geheimnis des Weltganzen zum Ausdruck zu bringen."

Mit jenem etwas nebulösem "Weltganzen", von dem Hans Cousto spricht, ist der Makrokosmos gemeint, das Universum. Das von vielen Menschen als Manifestation eines "Universell Göttlichen"  Begriffene in immer neuen Variationen zum Ausdruck zu bringen, könnte man als eine Art Kernziel der Heiligen Geometrie definieren.  

So sind die vielleicht wichtigsten geometrischen Körper in diesem Zusammenhang die fünf nach Platon benannten "Platonischen Körper": Dodekaeder, Ikosaeder, Oktaeder, Tetraeder und Würfel. Seit es die Mathematik gibt, faszinieren diese Körper mit ihren gleich langen Kanten, den gleichen Abständen zum Mittelpunkt, aufgrund dieser Symmetrie. Die fünf platonischen Körper sind die regelmäßigsten Körper.

Doch die Heilige Geometrie hat noch mehr Figuren. Etwa das Pentagramm, auch fünfzackiger Stern, Drudenfuß oder Pentakel genannt. Wieder ist es eine mathematisch exakt symmetrische Form. Mehr noch: Im Pentagramm ist der Goldene Schnitt enthalten, eine weitere heilige geometrische Figur. 

Goldener Schnitt und die Lage des menschlichen Bauchnabels

Hans Cousto:"Der Goldene Schnitt ist ein ganz typisches Beispiel. Zur Konstruktion eines Fünfsternes oder eines Zehnsternes braucht man den Goldenen Schnitt, die göttliche Teilung. Und die harmonische Teilung, das ist also immer wieder das gleiche Verhältnis der einzelnen Abschnitte, ist im Grunde genommen ein Blick in die Unendlichkeit. Denn man kann in jedem Fünfstern wieder einen Fünfstern zeichnen, wieder einen Fünfstern, und es bleibt stetig immer das gleiche Teilungsverhältnis."

Beim "Goldenen Schnitt", lateinisch: "proportio divina", teilt man eine Strecke so in zwei Teile, dass der Minor kleinere Teil, sich zum Major größeren Teil genauso verhält wie der größere Teil wiederum zum Ganzen. Der "Goldene Schnitt" ist universell. So liegt der menschliche Bauchnabel bei exakt 61,8 Prozent der Körpergröße, also dem Major-Bereich. Auch der Mittelfinger ist nach dem "Goldenen Schnitt" unterteilt, und Leonardo Da Vinci verwendete in seinem "Mona Lisa"-Gemälde goldene Schnitte: das Gesicht etwa beginnt rechts genau am "Goldenen Schnitt" des Bildes. 

Hans Cousto:"Darum ist die Beschäftigung mit dem Goldenen Schnitt, den wir auch als schön empfinden, das ist einfach eine grundlegende geometrische Struktur."    

In diesem Zusammenhang steht auch die "Blume des Lebens". Als Symbol taucht sie an den Säulen des Osireion in Abydos, Tempel Sethios des I. ebenso auf, wie in abendländischen Kirchen.

Die "Blume des Lebens" besteht aus 19 Kreisen, sowie häufig drei großen Außenkreisen als Symbol für die Einheit: Körper, Seele und Geist. In diesen 19 Kreisen sind 12 halbe Kreise, 6 Drittel-Kreise und 18 Sechstel-Kreise enthalten. Zählt man alle Teilkreisstücke zusammen, erhält man 30, plus der 3 äußeren, insgesamt 33 Kreise, ein Art christliches Mandala. Die Harmonie dieser geo-metrischen Konstruktion, so die Ansicht vieler aus meist esoterischen Zirkeln, soll Blockaden beseitigen und einen ungehinderten Fluss der Lebensenergie beim Betrachter herstellen. Gleichzeitig gilt die "Blume des Lebens" als Symbol der kosmischen Ordnung. Doch die Heilige Geometrie, deren Hauptsymbol die "Blume des Lebens" ist, lässt sich auch anders erfahren, sagt Hans Cousto.

"Eine Heilige Geometrie ist eigentlich das Gleiche wie die Harmonik in der Musik."

Dass die „Blume des Lebens“ oder der "Goldene Schnitt" keine Zahlenmystik für Geometriefans ist, zeigt sich am Bau der im Jahr 2002 eingeweihten St. Canisius-Kirche in Berlin-Charlottenburg. Heike Büttner, die Architektin des Neubaues, steht vor einem Taufbecken an der Natursteinwand, an der Wasser fließt.  Für Heike Büttner waren die Regeln des "Goldenen Schnittes" grundlegend beim Kirchenneubau. 

Heike Büttner: "Bei der St. Canisius ist es in der Tat so, dass wir mit dem Goldenen Schnitt hauptsächlich gearbeitet haben. Man betritt immer im architektonischen Raum eine sehr wohlgeordnete Geometrie."

Für Heike Büttner, die Architektur an der Bauhaus-Universität in Weimar lehrt, ist die Heilige Geometrie eine Architektenaufgabe.

"Es ist richtig, dass man sich sehr, sehr bemüht, die besten Proportionen und Verhältnisse auf jeden Fall zu konstruieren. Es ist immer sehr, dass man wichtig in der Architektur einen Raum hervorbringt, der für viele Menschen Interpretationen freilässt. Also Raum lässt. Dass Gedanken sich entwickeln können. Dann spürt man auch die Geometrie des Raumes."

"Die Botschaft des Raumes wird unmittelbar aufgenommen"

Pater Gimbler von der St. Canisius -Gemeinde betont die emotionale Wirkung dieser Geometrie.

"Ich glaube, dass jeder Raum eine ganz eigene Botschaft hat. Und dass diese Botschaft nicht über den Kopf geht, sondern unmittelbar aufgenommen wird, ich sage über den Bauch. Man ist irgendwo in etwas Größeres mit eingebunden. Und auf der anderen Seite spürt man auch die Sammlung, die damit gegeben ist."

Christine Götz: "Die Gläubigen, die Kirchenbesucher, die nehmen das einfach wahr als Aura. Als Aura auch der Strenge, der Ehrfurcht, die sich dann irgendwo einstellt. Deswegen mache ich auch diese Kirchenführungen mit großer Überzeugung, weil ich der Ansicht bin, dass die gebauten Ordnungen sich positiv auf die Seele und den Geist auswirken."

Ob "Blume des Lebens", "Goldener Schnitt", Pentagramm, "Goldenes Dreieck", die Platonischen Körper und anderes - die Heilige Geometrie ist so simpel wie faszinierend. In der Architektur, der Biologie, Kosmologie, Musik, Physik, Medizin ... - die Heilige Geometrie ist überall.

Sprecherin:"Du, Herr, hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet und Deine Macht ist unvergleichlich."   

Religionen

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