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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.08.2012

Materielles Elend, innerer Reichtum

Jorge Amado: "Die Werkstatt der Wunder", S. Fischer Verlag 2012, 432 Seiten

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Der brasilianische Autor Jorge Amado im Jahr 1982 (picture alliance / dpa / Lehtikuva Oy)
Der brasilianische Autor Jorge Amado im Jahr 1982 (picture alliance / dpa / Lehtikuva Oy)

Pünktlich zum 100. Geburtstag des Brasilianers Jorge Amado liegt einer seiner schönsten Romane in neuer Übersetzung vor. "Die Werkstatt der Wunder" enthält all das, was das Werk dieses überzeugten Botschafters der afro-braslianischen Kultur charakterisiert.

Pünktlich zum 100. Geburtstag des Brasilianers Jorge Amado (1912-2001) liegt einer seiner schönsten Romane in neuer Übersetzung vor: "Die Werkstatt der Wunder" erschien erstmals 1969 und enthält all das, was das Werk dieses überzeugten Bahianers und Botschafters der afro-braslianischen Kultur, hochproduktiven Schriftstellers und Politikers charakterisiert.

So spielen die Gottheiten des Candomblé eine wichtige Rolle in diesem bunten und üppigen Gruppenbild um den Forscher, Frauenhelden, Weisen und Säufer Pedro Archanjo – ebenso wie die Lokalgrößen Bahias und viele schräge Figuren aller Hautfarben aus dem Armeleuteviertel Pelourinho.

Archanjo ist ein posthumer Held, denn zum Zeitpunkt der Erzählung ist er schon lange tot und wird erst an seinem hundertsten Geburtstag gewissermaßen offiziell entdeckt: als Legende, als Verkörperung der Tugenden und Laster, Fähigkeiten und Macken der einfachen Leute von Bahia. Zu Lebzeiten war er in seinem Stadtteil hoch angesehen als Candomblé-Piester, Erwählter des Gottes Xangó. Dennoch starb er allein und arm, buchstäblich in der Gosse, nach einer durchsoffenen Nacht.

Als ein bekannter Anthropologe aus den USA in Bahia auftaucht und das Loblied des längst Verblichenen und dessen Werks singt, erfasst eine Welle der Begeisterung und des Gedenkens die brasilianische Medienlandschaft und greift auf die akademische Welt über.

Jorge Amado, der lange Jahre Mitglied der kommunistischen Partei war (und 1951 den Stalin-Preis erhielt), beherrscht die erzählerische Dialektik von materiellem Elend und innerem Reichtum aus dem Effeff: Archanjo war zwar selbst zu seinen besten Zeiten nie mehr als Pedell an der Universität von Bahia, aber seine kleinen Werke über lokale Kultur und Geschichte verdienen, wie sich nun herausstellt, höchste Wertschätzung. Und auch wenn er allein starb, ist er Erzeuger eines nicht sehr geringen Teils der Bevölkerung von Pelourinho. Das entspricht völlig Amados fester und häufig geäußerter Überzeugung, dass die Vermischung der Rassen - der schwarzen, weißen und indianischen - die Stärke Brasiliens und lustvolle Aufgabe all seiner Männer und Frauen sei.

Man hat als Leser dieses Buches außer diesem noch ein paar mehr Schläge mit dem weltanschaulichen Holzhammer einzustecken. Doch man verkraftet sie leicht, zumal mit dem Abstand von mehr als vierzig Jahren - vor allem wegen Amados leuchtender, trommelnder, singender, leidenschaftlicher Sprache, die ihm bis heute noch keiner hat nachmachen können.

Besprochen von Katharina Döbler

Jorge Amado: Die Werkstatt der Wunder
Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner
S. Fischer Verlag 2012
432 Seiten, 24,99 Euro


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