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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.05.2009

Materialschlacht mit Sprühsahne und Zigaretten

Nationaltheater Mannheim zeigt mit "4 x 4" Stücke von Nachwuchsautoren und -regisseuren

Von Natascha Pflaumbaum

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Das Nationaltheater Mannheim präsentierte vier Einakter in einer Theateraufführung gebündelt. (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)
Das Nationaltheater Mannheim präsentierte vier Einakter in einer Theateraufführung gebündelt. (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)

Das Nationaltheater Mannheim hat "4 x 4" – das heißt vier Einakter von vier jungen Theaterautoren, inszeniert von vier Nachwuchsregisseuren – uraufgeführt. Die Stücke von Ewald Palmetshofer, Juliane Kann, Loranz Langenegger und Philipp Löhle greifen psychopathologische Themen auf.

Eine schwarz gekleidete schmale Frau lamentiert einsam vor sich hin –nörgelt, ätzt, spottet und meckert. Sie ist Kinderhasserin, meidet Kinder, stellt sich von, wie sie künftig noch mehr Kinder meiden kann. Kommt ihr doch einmal ein Kind in die Quere, rastet sie aus, dann wird sie selbst so kindlich und kindisch wie die, die sie hasst. Und damit richtet sich der Hass gegen andere eigentlich gegen das Kind in ihr. Aber dann entpuppt sich ein anderes Ich in ihr: ein freundliches, zugewandtes, lächelndes. Immer wieder zeigt es sich. Ohne Vorankündigung. Dieses Ich interveniert mit seiner menschenfreundlichen Art gegen den Hass der schwarzen Frau.

Die Schauspielerin Ragna Pitoll spielt diese unbarmherzige Psychopathin in einem klirrenden Mantel voller Verachtung. Ihre überraschende Verwandlung von der Misanthropin zur Philanthropin vollzieht sie körperlich regungslos, allein als Wechsel im Sprachgewand. Sie gibt der von Ewald Palmetshöfer für sein Ein-Frau-Stück "Körpergewicht. 17%" erfundenen Figur jenes drastische Unbehagen, das Menschenverachtung sogar in der mildesten Form – der Ironie – so hässlich macht. Palmetshofers neuestes Stück "Körpergewicht. 17%", das nun am Nationaltheater in Mannheim uraufgeführt wurde, wird man sich darum kaum ohne Ragna Pitoll vorstellen können: Sie hat dem Stück, das nur unmerklich mit den schwierigen Bedingungen des Monologes kämpft, erst diese schwarze kalte Aura gegeben, die subtiler Hass so liebt. Regisseur Torge Kübler war mutig, weil er allein auf Pitoll setzte, ihre Sprache und ihre reduzierte Mimik.

Ewald Palmethofers neues Stück befand sich in guter Gesellschaft. Es wurde zusammen mit drei anderen neuen Werken von Janine Kann, Philipp Löhle und Lorenz Langenegger am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt und inszeniert von vier Regisseuren, die alle als "Nachwuchs" bezeichnet werden, und man wünscht ihnen, dass sie dieses Wohlwollen suggerierende Etikett bald ablegen könnten. Verdient hätten sie es, denn ihre Arbeiten waren mehr als Fingerübungen von solchen, die noch ihren Weg suchen.

Philipp Löhle bewies dabei größtes erzählerisches und dramaturgisches Talent. Sein Zwei-Personen-Stück "Herr Weber und die Litotes" ist ein bedrückendes Kammerspiel, dessen zynische Pointe den Zuschauer so kalt erwischt, dass man schaudert. Eine alte Frau, debil, dement und wohl von gutem Stande – sie trägt einen akkuraten Blazer – vegetiert in einem Rollstuhl vor offenem Fenster vor sich hin. Es ist Winter. Drinnen und draußen. Ein junger Mann, wie sich herausstellt: ein Arbeitsloser, erzählt der alten Dame seine Lebensgeschichte. Es scheint, als sei er ihr Pfleger oder ein Zivildienstleistender, der sie ab und zu besucht. Die Frau nimmt wenig von ihm wahr. Im Aneinandervorreden entwickelt sich die Kälte zweier Generationen, die wirklich Welten trennen. Als am Ende die wahre Profession des jungen Aktenkofferträgers entlarvt wird, hat er bereits so viel erzählt und argumentiert, dass man sein Tun schon fast als konsequent empfindet. Er ist spezialisiert auf geriatrische Euthanasie - "Sterbehilfe" für Alte – und war gekommen, um die Damen zu ersticken. Löhles Stück ist zynische Gesellschaftskritik, es exponiert eine Vision, die so fern gar nicht liegt. Boris C. Motzkis behutsame, auf die leisen Töne des Konversationstons setzende Regie hat die fiese Dramatik des Stückes leise kommen lassen.

Juliane Kanns Stück "Exit. Dinge bei Licht" über zwei vaterlose, schlaflose junge Menschen greift die psychopathologischen Themen ihrer Kollegen auf. Es ist ein dramaturgisch und erzählerisch reifes Stück, das mit Sentenzen wie "Es macht wahnsinnig müde, wenn man die ganze Zeit versucht, verlorene Zeit zurück zu holen", aufwartet. Die Regisseurin Konstanze Kappenstein führt vor allem die beiden Schauspieler Thorsten Danner und Dascha Trautwein in brillanter Weise durch eine hysterische Materialschlacht mit Sprühsahne, Wasser, Kunstschnee und Zigaretten.

Weniger überzeugend, weil der Autor zu sehr auf bekannte plakative Klischees setzt, vermittelt sich das neue Stück von Lorenz Langenegger "Same Same But Sansibar", das Angela Hölzle inszeniert hat. Das Stück erzählt die Geschichte von zwei Börsenmaklern, die sich nach aufgrund der Wirtschaftskrise eine Auszeit in Afrika nehmen - mit zwei afrikanischen Frauen. Der "Clash of Civilisation" wirkt arg inszeniert, als "Reich" auf "Arm" trifft.

"4x4": eine langer, aber gelungener Theaterabend.

"4 x 4":

"Exit. Dinge bei Licht"
Autorin: Juliane Kann
Regisseurin: Konstanze Kappenstein

"Same Same but Sansibar"
Autor: Loranz Langenegger
Regisseurin: Angela Hölzle

"Herr Weber und die Litotes"
Autor: Philipp Löhle
Regisseur: Boris C. Motzki

"Körpergewicht. 17%"
Autor: Ewald Palmetshofer
Regisseur: Torge Kübler

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