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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.03.2013

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Sloan Wilson: "Der Mann im grauen Flanell", Dumont Verlag, Köln 2013, 446 Seiten, 22 Euro

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Tag für Tag fährt der Held des Romans vom New Yorker Vorort nach Manhattan. (AP Archiv)
Tag für Tag fährt der Held des Romans vom New Yorker Vorort nach Manhattan. (AP Archiv)

In "Der Mann im grauen Flanell" beschreibt Sloan Wilson eine New Yorker Wohlstandsexistenz, eingeklemmt zwischen Konsum und Verwaltung. Das Romandebüt von 1955 ist jetzt als deutsche Neuübersetzung erschienen - und wirft Fragen auf, die noch immer aktuell sind.

Grauer Flanell, das ist der Stoff, aus dem Konformisten gemacht sind. Tom Rath trägt seinen grauen Anzug jeden Tag zur Arbeit, aus der Vorstadt fährt er nach Manhattan, wie Tausende andere Männer auch. Es sind die 50er-Jahre, eine Generation von Kriegsheimkehrern hat sich mit ordentlichen Ehen, ordentlichen Kindern und ordentlichen Jobs konsolidiert.

Und dann sagt Betsy, Toms Frau, auf einmal: "Es ist, als läge da etwas über uns, was es uns schwer macht, glücklich zu sein." Dieses Unbehagen wird sich im Roman zu einer Bedrückung steigern, in der auch wir heutige Leser uns erkennen können.

Denn mit der Wohlstandswelt der 50er-Jahre – der Roman hebt 1953 an, mit zahlreichen Rückblenden in die Kriegszeit Mitte der 40er – festigten sich die sozialen und kulturellen Standards, denen wir uns immer noch verpflichtet fühlen. Eine Festanstellung, finanzielle Rücklagen, Aufstiegschancen: Rath, der Sekretär einer angesehen Stiftung, hat dies alles. Aber die Kriegszeit lässt sich nicht abschütteln, die moderne Psychologie würde ihm ein Trauma attestieren: Im Krieg hat er Menschen getötet und im besetzten Italien eine Affäre gehabt.

Jetzt will er in New York weiter Karriere machen. Rath wechselt zu einem großen Sender, wird dort Assistent des mächtigen Mr. Hopkins, ein Workaholic, der seine Ängste vor Ehefrau und Tochter mit Projekten betäubt. Es ist eine "lost generation", die der Autor porträtiert: Männer, die als Jungs in den Krieg geschickt wurden und nun anknüpfen sollen an die tradierten Ideen von bürgerlichem Erfolg. Aber da ist dieses Unbehagen ...

Wir kennen diese Vorortkolonien, wo Ehefrauen im Martinirausch verdämmern, während ihre Männer in der Stadt freudlose Büroexistenzen führen und sich mit Affären bei Laune halten. Die wieder entdeckten Romane von John Cheever und Richard Yates sind Chroniken dieser Welt, in der die Petticoat-Beschwingtheit nur die Kehrseite reaktionärer Verhärtung war.

Spätestens seit dem Siegeszug der "Mad Men", einer Fernsehserie über eine Werbeagentur im Manhattan der 50er-Jahre, sind die Männer im grauen Flanell Studienobjekte in eigener Sache: Das Büroleben, das Angestelltendasein und, weiter gehend, die Arbeitsroutinen des Nachkriegskapitalismus – diese Strukturen haben sich zwar modernisiert, im Kern aber kämpfen die Subjekte weiterhin gegen ihre Entfremdung.

Deshalb ist "Der Mann im grauen Flanell", erschienen 1955, ein faszinierender Roman und besser, als ihn das Nachwort der vorliegenden Ausgabe erscheinen lässt. Es stimmt, was Jonathan Franzen schreibt: Am Ende ist der unglückliche Rath, der in seinem Job zu scheitern droht und in einem Erbstreit sein Vermögen aufs Spiel setzt, der Gewinner. Aber bis es soweit ist, verfolgen wir die inneren Kämpfe eines Mannes, dem die Verhältnisse zu zermalmen drohen.

Wie sich zurechtfinden in einer Welt, die Konsum und Verwaltung als Ultima Ratio des zivilisiert Seins ausgibt, wenn existenzielle Erschütterungen doch das Gegenteil beweisen? Die Frage ist vielleicht aktueller denn je.

Besprochen von Daniel Haas

Sloan Wilson: Der Mann im grauen Flanell
Aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld
Mit einem Nachwort von Jonathan Franzen
Dumont Verlag, Köln 2013
446 Seiten, 22 Euro

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