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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.01.2020

Massenets "Manon"Verloren im Glitzer der Halbwelt

Von Franziska Stürz

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Eleonore Marguerre als Manon sitzt in einem Kreis, der hinter einer Glasscheibe von der Decke hängt. (Ludwig Olah / Staatstheater Nürnberg)
Eleonore Marguerre habe als Manon sowohl gesanglich als auch schauspielerisch überzeugt, urteilt unsere Kritikerin. (Ludwig Olah / Staatstheater Nürnberg)

Tatjana Gürbaca hat Massenets "Manon" am Staatstheater in Nürnberg inszeniert. Das Urteil unserer Kritikerin Franziska Stürz fällt ambivalent aus: Die Inszenierung habe stimmstarke Darsteller, es fehle allerdings etwas die französische Eleganz.

Die tragische Geschichte der Manon Lescaut fasziniert Regisseurin Tatjana Gürbaca, und sie sieht darin vor allem ein schonungsloses Bild einer Gesellschaft, in der das Geld regiert. Auch in ihrer Nürnberger Version der Geschichte kommt ein junges Mädchen mit Baskenmütze und Faltenrock in die Situation, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Keine Ankunft im Sehnsuchtsort

Gürbaca lokalisiert die Handlung in einem schwarzen Fantasieraum, den ein Glühbirnenportal umrahmt. Ein glänzender Laufsteg führt in eine andere Welt, die von Soldaten bewacht wird. Davor hausen Zuhälter und Schlägertypen und leichte Mädchen im Glitzerfummel. Sie konsumieren Drogen, schmeißen mit Geldscheinen um sich, lieben Sexspielchen und schrecken nicht vor Gewalt zurück. In diese glitzernde Halbwelt zieht es Manon, und sie verliert sich darin, ohne je in ihrem Sehnsuchtsort Paris anzukommen.


Szenenfoto: Ein Mann steht auf einer nach vorne abschüssigen Bühne, vor ihm kniet ein Mann in weißem Anzug und mit ausgestreckten Armen, seine Augen sind geschlossen, er singt. Vor ihm kniet eine Frau und blickt auf den Boden, sie singt wohl auch. Zu sehen ist außerdem ein Mann, der auf dem Bauch liegt, man sieht nur seine Füße und eine Hand mit Geldscheinen. (Ludwig Olah / Staatstheater Nürnberg)Das Bühnenbild, das eine schmutzige Halbwelt darstellen soll, sei zu eindimensional, meint Franziska Stürz. (Ludwig Olah / Staatstheater Nürnberg)

Das Zerrbild der Gesellschaft ist in Tatjana Gürbacas Lesart der "Manon" durchgehend schrill und trashig gezeichnet, und wirkt dadurch gerade im bürgerlich-soliden Nürnberg sehr fremd und fern. Das dauerschwarze Bühnenbild von Marc Weeger bietet trotz der sich gut darin bewegenden Darsteller auf Dauer zu wenig optische Reize, sodass der dreistündige Opernabend sich bisweilen zieht.


Szenenfoto: Im Bild sind vier Männer und drei Frauen zu sehen. Die Frauen tragen Haarreifen mit Glitzer-Hasenohren. Ein Mann liegt auf dem Boden mit ausgestreckten Armen. Ein Mann steht mitten im Bild, zählt Geldscheine und trägt ebenfalls einen solchen Haarreifen. Eine Frau kniet mit offenem Mund, ein ihr gegenüber stehender Mann fummelt etwas aus einer kleinen Plastiktüte heraus. (Ludwig Olah / Staatstheater Nürnberg)Letztlich habe auch ein wenig die französische Eleganz gefehlt. (Ludwig Olah / Staatstheater Nürnberg)

Mit Eleonore Marguerre hat Nürnberg eine stimmstarke, dramatische Manon, die sich überzeugend vom Bunny-Girl zum Vamp entwickelt und dann kläglich im T-Shirt verendet. Tadeusz Szlenkier punktet ebenfalls mit prachtvollen Tenortönen als idealistisch liebender Des Grieux, darstellerisch wird er von Hans Kittelmann als Guillot und Levent Bakirci als Lescaut allerdings übertroffen. Die auf deutsch gesprochenen Dialogpassagen fügen sich erstaunlich gut in das Spiel, und besonders aufhorchen lassen das lupenrein singende Damentrio des Opernstudios, sowie der hervorragend disponierte Chor.

Guido Johannes Rumstadt und die Staatsphilharmonie erfüllen das Nürnberger Opernhaus vor allem mit süffigen und dramatischen Klängen, etwas mehr französische Elegance bleibt allerdings an manchen Stellen zu wünschen übrig. Ein paar mehr Facetten hätte man doch noch herausholen können aus Massenets Manon.

Manon
Oper von Jules Massenet
Regie: Tatjana Gürbaca
Staatstheater Nürnberg

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