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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.11.2013

MasochismusDie Lust am Kontrollverlust

Warum manche Menschen in der Unterwerfung Befriedigung empfinden

Albrecht Koschorke im Gespräch mit Frank Meyer

Ein Mann und eine Frau betrachten eine Statue von Leopold Ritter von Sacher-Masoch vor dem Masoch-Café in Lemberg (Ukraine). (picture-alliance / ITAR-TASS Vitaly Grabar)
Eine Statue von Leopold Ritter von Sacher-Masoch vor dem Masoch-Café in Lemberg (Ukraine). (picture-alliance / ITAR-TASS Vitaly Grabar)

Leopold von Sacher-Masoch ist mit seinem Roman "Venus im Pelz" zum Namensgeber einer bestimmten Form von Sexualität geworden. Der Schriftsteller hatte mit seiner Frau einen "Unterwerfungsvertrag" abgeschlossen, sagt der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke.

Frank Meyer: Wie intensiv die Lust sein kann an Unterwerfung, an Schmerz, davon hat der österreichische Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch in seiner Novelle "Venus im Pelz" erzählt. Er hat das nicht als erster getan, aber so beeindruckend wie niemand vor ihm, und gegen seinen Willen ist er so zum Namensgeber für den Masochismus geworden. Seine Novelle "Venus im Pelz" hat der Regisseur Roman Polanski jetzt verfilmt, und wenn man an den Welterfolg der sadomasochistischen "Shades of Grey"-Bücher von E. L. James denkt, dann drängt sich die Frage auf: Warum ist der Masochismus gerade wieder so angesagt?

Und wir reden jetzt über Konjunkturen des Masochismus mit Albrecht Koschorke, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Guten Morgen, Herr Koschorke!

Albrecht Koschorke: Guten Morgen!

Meyer: Zu diesem Film gab es eine Besprechung in der "Süddeutschen Zeitung" mit der These, dass masochistische Situationen, dass die der geheime Traum davon seien, seine Selbstkontrolle mal abzulegen, Überlegenheit abzulegen, Individualität aufzugeben und sich eben in diesem masochistischen Spiel zu verlieren. Was halten Sie von dieser These?

Koschorke: Ich finde, sie ist halb richtig, denn es stimmt: Der Masochismus ist sicher eine Möglichkeit, Exzess auszuleben und bis zum Äußersten zu gehen und sich hin- und aufzugeben. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass die masochistische Fantasie – das zeigt jedenfalls der Roman "Venus im Pelz" und das zeigen auch die meisten Nachfolgeromane und -filme – immer mit Vertragssituationen zu tun hat.

Es hat immer was mit Absprachen zu tun, es hat mit einem Rahmen zu tun, der vorher festgelegt wird und der, solange er stabil ist, die Sache auch in Grenzen hält, und dieser Rahmen wird im Prinzip vom Masochisten festgelegt. So ist es jedenfalls in "Venus im Pelz". Das heißt, das ist eine sehr kontrollierte Form des Kontrollverlustes, wenn man so möchte.

Meyer: Der Rahmen wird gesetzt von diesem Vertrag, wie Sie sagen. Aber wenn wir uns das Geschehen im Rahmen mal anschauen: Könnte man sagen, dass da ... Wir ja leben in einem Zeitalter der Selbstoptimierung, als unternehmerisches Selbst, wie die Schlagworte auch immer sind, also es besteht die Anforderung, wir sollen immer kreativ sein, eigenverantwortlich und eben kontrolliert. Man könnte vermuten, dass der Masochismus da das genau passende sexualtechnische Ventil für solch eine Epoche ist?

Koschorke: Ich weiß gar nicht genau, ob unsere Epoche jetzt insgesamt unter dem Vorzeichen masochistischer Fantasien steht. Das kann auch eine Täuschung sein. Das ist jetzt vielleicht durch den Erfolg von "Fifty Shades of Grey" erscheint das so. Das ist ja eine ganz andere Geschichte. "Shades of Grey" sind im Prinzip eine reaktionäre Wiederauflage der Vorstellung, dass Frauen sich einerseits gern unterwerfen und andererseits gern den Mann, dem sie sich unterwerfen, dann reformieren und zum Besseren führen.

Der Masochismus des Namensgebers, also von Sacher-Masoch, war männlicher Masochismus. Das galt damals als krasse Anomalie und wurde auch deshalb überhaupt erst als Perversion eingestuft. Das heißt, bei Kraft-Ewin, der diesen Begriff geprägt hat, explizit, dass ein weiblicher Masochismus eigentlich der Natur des Weibes entspreche, während der männliche Masochismus ein Verstoß gegen die natürliche Ordnung ist.

Das heißt, es geht um männlichen Masochismus im 19. Jahrhundert und um die merkwürdige Tatsache, dass gegen Ende des Jahrhunderts Männer sich viel stärker in passiven, teilweise effeminierten Rollen gefunden haben, dass sie irgendwie das Gefühl hatten, sie werden überwältigt von einer stärker werdenden Frauenwelt und so weiter. Das ist eine andere Situation als die, die jetzt gerade mit massenmedialen Konjunkturen zu tun hat.

Meyer: Und Sie würden sagen, das ist bis heute ein grundlegender Unterschied, weiblicher und männlicher Masochismus?

Koschorke: Nein, es ist erst mal ein Unterschied natürlich im Verhältnis zur Gewöhnlichkeit des Geschlechterverhältnisses. Im 19. Jahrhundert haben wir im Prinzip hochgradig patriarchale Verhältnisse und da ist der Wunsch des Mannes, sich zu unterwerfen, erst mal ein Verstoß gegen die Gesellschaftsordnung.

"Shades of Grey" ist im Prinzip eine Romanze, die ein wenig erotisch aufgemöbelt wurde, aber die ja im Prinzip in den Bahnen eines sehr konventionellen Geschlechterverhältnisses verläuft. Ich würde "Shades of Grey" eigentlich nicht unter die ganz exzessiven Fantasien rechnen, da gibt es andere.

Meyer: Damals, als der Masochismus sozusagen erfunden wurde, als Leopold von Sacher-Masoch eben seine "Venus im Pelz"-Novelle geschrieben hat, um 1870 herum – gibt es von heute aus gesehen eine Erklärung dafür, warum dieses Phänomen oder dieses Thema damals aufgekommen ist, in dieser Epoche?

Koschorke: Ja, man kann eine ganze Reihe von Erklärungen finden. Eine naheliegende ist, dass der Masochismus eigentlich eine listige Perversion ist. Er ist eine gehorsame Perversion, wenn man möchte, denn er vollstreckt eigentlich das, wenn wir jetzt das ausgehende 19. Jahrhundert einmal so als viktorianisches Zeitalter etikettieren und sagen, das war ein Zeitalter in hohem Maß von Prüderie und von Moralanforderungen geprägt, dann vollstreckt er das: Er will sich bestrafen lassen für seine Lust. Das heißt, er tut sich das an sehr konform, also es ist in gewisser Weise eine konformistische Fantasie, er tut sich das an, was die zeitgenössische Pädagogik sowieso verlangt.

Er will sich das allerdings nicht von seinem Lehrer oder einer moralischen Instanz gefallen lassen, sondern von der Frau seines Begehrens. Da ist sozusagen die Subversion in der Konformität. Aber im Prinzip entspricht das durchaus einem repressiven Sexualklima, das zu einer Lustquelle umfunktioniert wird. Es ist also eine, ja, eine Umfunktionierung dessen, was ohnehin da ist, eine erotische Aneignung, eine lustvolle Aneignung. Das ist sozusagen der Kern der männlichen masochistischen Fantasie im 19. Jahrhundert.

Das, würde ich sagen, ist heute ganz anders. Wir haben ja heute, wie Sie auch schon angedeutet haben, eine hochgradig permissive Gesellschaft. Viele Filme handeln eigentlich davon, dass es die Möglichkeit einer Übertretung gar nicht gibt, die Möglichkeit, sich selbst an Grenzen zu erfahren. Da ist es eine ganz andere Situation. Da geht es nicht da drum, Repressionen umzufunktionieren oder sich lustvoll anzueignen, zu unterlaufen auf diese Weise, sondern da geht es eigentlich da drum, überhaupt noch eine Grenze zu finden, an der man sich fühlt.

Meyer: Und Sie haben ja vorhin schon angesprochen, dass es aber geregelte Grenzerfahrungen sind durch diesen Vertrag, der da geschlossen wird. Können Sie uns das noch mal erklären, was für eine Art Vertrag das dann ist im Spiel des Masochismus?

Koschorke: Ja, wenn wir von "Venus im Pelz" ausgehen, dann ist das sehr klassisch. Das geht zurück auf eine Reise, die der Schriftsteller Sacher-Masoch mit einer schriftstellernden Baronin unternommen hat nach Italien, 1869, Fanny von Pistor hieß die Dame. Und diese Reise beruht schon auf einem Vertrag. Eigentlich hätte es in die Türkei gehen sollen, weil da sich bestimmte Vorstellungen von Sklaverei und Despotismus in dieser orientalisierenden Fantasie des Schriftstellers noch besser hätten verwirklichen lassen. Aber so weit sind sie nicht gekommen, das Geld hat nicht gereicht, es reichte gerade für Italien.

Es gab eine vertragliche Abmachung, dass Sacher-Masoch sich ihr unterwirft, dass er ihr Lakai ist, dass er aber einige Stunden das Tages sich vorbehält für seine schriftstellerische Produktion, er hat sozusagen live mitgeschrieben, und trägt dann ihre Koffer in die Hotels und scharwenzelt ein wenig um sie herum, und sie hat den Auftrag – das ist Teil dieses Szenarios –, sie hat den Auftrag, langfristig sich mit einem anderen Mann einzulassen und dieses Paar soll dann den Diener malträtieren.

Das geht auch so weit, aber dann irgendwann wird es dem Masochisten, der das ganze Spiel ja inszeniert hat und in gewisser Weise auch ständig koordiniert, denn ständig fällt sie aus der Rolle und will gar nicht mehr, und er sagt, nein, das haben wir so verabredet, das geht ihm dann aber zu weit am Ende.

Und das ist interessant, weil das immer wieder ... Der Vertrag, den der Masochist mit seinem Gegenüber abschließt, wenn wir jetzt von Sacher-Masoch ausgehen, ist immer ein Vertrag mit instabilen Grenzbedingungen. Also man möchte, dass er eigentlich erfüllt wird, dass er übererfüllt wird, aber man möchte es eigentlich nicht, und dann gibt es so einen Kampf um die Vertragsartikel, wenn man so möchte.

Dasselbe Spiel hat Sacher-Masoch mit seiner Frau gespielt. Er hat auch mit ihr einen Unterwerfungsvertrag abgeschlossen, einen einseitigen Vertrag, einen juristisch paradoxen Vertrag, in dem er als Rechtssubjekt eintritt, um seinen Charakter als Rechtssubjekt aufzugeben. Und sie musste dann auch sich mit einem Dritten einlassen, und als sie das dann getan hat, hat er sie fallen gelassen. Da ging es ihm dann zu weit.

Meyer: Und wie dieser Vertrag jetzt, in einer heutigen Variante funktioniert, können Sie sich jetzt im Kino anschauen bei der Verfilmung von "Venus im Pelz" von Roman Polanski, ab heute in unseren Kinos. Wir haben mit Albrecht Koschorke gesprochen, Literaturwissenschaftler an der Universität Konstanz. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Koschorke!

Koschorke: Sehr gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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