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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.02.2010

Maskenspiel und Rollentausch

Virginia Woolf: "Nacht und Tag", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 503 Seiten

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Virginia Woolf (AP)
Virginia Woolf (AP)

"Nacht und Tag", der zweite Roman von Virginia Woolf, 1918 nach langer Krankheit abgeschlossen, ist das Zeugnis einer Genesung. Die Arbeit daran sei eine Art Besänftigungsstrategie gewesen, schreibt die Schriftstellerin viele Jahre später an eine Freundin, denn "ich habe so schlotternde Angst vor meinem eigenen Wahnsinn gehabt, dass ich Night and Day hauptsächlich schrie, um mir zu meiner eigenen Zufriedenheit zu beweisen, dass ich mich ganz von diesem gefährlichen Gelände fern halten konnte".

Die Geschichte von Katherine Hilbery, gelangweilte Enkelin eines bedeutenden Dichters und Angehörige der Londoner Upper Class, und ihrem Bewunderer Ralph Denham, blitzgescheiter Rechtsanwalt, Freizeitjournalist und Abkömmling einer redlichen, aber finanziell schlecht ausgestatteten Familie der Mittelschicht, steht in der Tradition viktorianischer Erzählkunst und ist Virginia Woolfs konventionellster Roman.

Jenseits der stabilisierenden Wirkung auf den schlingernden seelischen Zustand der Autorin ist das Buch aber auch die Voraussetzung der experimentelleren Werke. Der Figurenzeichnung, der detaillierten Auffächerung innerer Zustände und dem satirischen Blick auf die Geschehnisse merkt man bereits an, dass der Schriftstellerin das Korsett eines allwissenden Erzählers allmählich zu eng wird.

Virginia Woolfs Heldin Katherine Hilbery fühlt sich ihrem glanzvollen Elternhaus, das nach dem Muster jahrhundertealter Rituale funktioniert, längst entfremdet. Der dichtende Vorfahre Alardyce ist das Zentrum der Familie. In einem Kabinett werden Manuskripte, Gemälde, die Brille, ein alter Federkiel des legendenumwobenen Dichters gehütet wie Heiligenreliquien, und seit Jahrzehnten arbeitet Katherines Mutter an einer ultimativen Biografie ihres Vaters, ohne je vom Fleck zu kommen.

An der Oberfläche passt sich Katherine an, aber heimlich betreibt sie nachts Mathematik. Mehr aus Ratlosigkeit verlobt sie sich mit einem literarisch dilettierenden Regierungsbeamten namens William Rodney. Dabei zieht sie Ralph Denham, der einem Brotberuf nachgeht, um seine Mutter und die jüngeren Geschwister zu ernähren, viel mehr an.

Ralph wird seinerseits von Mary geliebt, einer emanzipierten Pfarrerstochter, die ihr Leben in den Dienst des Frauenwahlrechts gestellt hat. Katherines Cousine Cassandra verzehrt sich vor Sehnsucht nach Katherines Verlobtem.

Seine Spannung bezieht der Roman aus der fast shakespeareschen Anordnung der Figuren, in der jeder den Falschen begehrt und Maskenspiel, Verstellung und Rollentausch den Rhythmus der Handlung bestimmen, bis sich schließlich alles zum Besten wendet. Bis in die kleinsten Verästelungen hinein durchleuchtet Virginia Woolf die Psyche ihres Personals.

Dabei gelingen ihr Figuren von faszinierender Komplexität: die tätige Mary, die verträumte, oft verletzend kühle Katherine und der aufbrausende Ralph. In ihren folgenden Romanen wird Virginia Woolf einen Schritt weiter gehen, auf die vermittelnde Erzählinstanz verzichten und zur "Aufzeichnung der Atome, wie sie ins Bewusstsein fallen" vordringen.

Tag und Nacht ist eine notwendige Station auf dem Weg zu größerer Radikalität – und ein spitzfindiger, leichtfüßiger und hochkomischer Roman über die Londoner Gesellschaft der zehner Jahre.

Besprochen von Maike Albath


Virginia Woolf: Nacht und Tag
Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Walter
Gesammelte Werke, Prosa 3, hrsg. v. Klaus Reichert
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009
503 Seiten, 34 Euro

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