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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.06.2020

Masha Gessen: "Autokratie überwinden" Misstrauische Nihilisten an der Macht

Von Marko Martin

Masha Gessen steht vor einer dunklen Wand, hält ihre Brille in der Hand und schaut zur Seite. (laif / Basso CANNARSA)
"Die Institutionen werden euch nicht schützen", schreibt Masha Gessen, die vor einem "Reichstagsbrand-Moment" in den USA warnt. (laif / Basso CANNARSA)

Masha Gessens Warnschrift "Autokratie überwinden" analysiert die kalkulierten Lügen und Gesetzesverstöße der Trump-Administration. Die Herrschaftssicherung gehe dem US-Präsidenten über alles – genau wie seinem russischen Amtskollegen Putin.

Die Autorin Masha Gessen war 14 Jahre alt, als ihrer russisch-jüdischen Familie 1981 erlaubt wurde, die Sowjetunion zu verlassen und in die Vereinigen Staaten überzusiedeln. Zur gleichen Zeit hatten zahllose Andere, die dem kaum kaschierten Antisemitismus des Kreml-Regimes zu entkommen versuchten, ihre Ausreiseanträge mit Haft, Lager und Verbannung bezahlt.

Diesen sogenannten "Refuseniks" stand damals vor allem der (nicht-)jüdische Dissident Andrej Sacharow bei, dem es gelang, internationale Solidarität zu organisieren. Hätte sich die junge Masha Gessen vorstellen können, dass sie vier Jahrzehnte später den ethischen Elan von Menschen wie Sacharow, Václav Havel oder Lech Wałęsa nun den Menschen in den USA als eine Art letzte Hoffnung präsentieren müsste?

Profunde Analyse der Trump-Jahre

Die vielfach ausgezeichnete Journalistin und Schriftstellerin beginnt ihr aktuelles Buch "Autokratie überwinden" jedoch nicht mit der üblich gewordenen Ego-Befindlichkeitsfloskel "Ich als...". Stattdessen legt sie eine profunde Analyse all der ob ihrer Häufung inzwischen schon fast halb vergessenen Infamien, Täuschungen, Tricksereien, Lügen und Rechtsverstöße vor, mit denen die Öffentlichkeit seit Donald Trumps Präsidentschaftskandidatur konfrontiert worden ist.

Ihr klar strukturiertes Buch, an dessen Ende sich quasi zum Gegencheck zahlreiche Fußnoten finden, profitiert dabei durchaus von der Russland-Kennerschaft der Autorin: Von 1991 bis 2013 war Gessen als Journalistin nach Moskau zurückgekehrt, wo sie Zeugin des schier unaufhaltsamen Aufstiegs des KGB-Obristen Wladimir Putin wurde, der nicht nur aufgrund seiner Wahlkampfhilfe für Donald Trump vieles gemeinsam hat mit dem gegenwärtigen Bewohner des Weißen Hauses.

Das Cover zeigt den Titel in schwarzer Schrift auf weißem Grund, durch die Mitte zieht sich eine rote Linie. (aufbau / Deutschlandradio)Masha Gessen: "Autokratie überwinden" (aufbau / Deutschlandradio)

Beide, so Gessen, seien trotz aller ostentativen Anti-Intellektualität von geradezu wieselschneller Macht-Intelligenz und dabei keineswegs frohgemute Patrioten, sondern misstrauische Nihilisten, denen Herrschaftssicherung über alles geht.

Gewaltenteilung kann unterwandert werden

Doch existieren in den Vereinigten Staaten nicht weiterhin Medienfreiheit und Gewaltenteilung? Gewiss. Aber was, wenn eine Millionen-Wählerschaft etwa im Fernsehsender "Fox News" lediglich die zu Tatsachen verdrehten Behauptungen der Regierung wahrnimmt? Außerdem: "Checks & Balances" funktionieren nur, wenn alle Mitspieler die allgemeingültigen Regeln respektieren.

"Die Institutionen werden euch nicht schützen", schreibt Gessen und erinnert daran, wie bereits vor Trump einflussreiche Republikaner "Hate Speech" betrieben und Verschwörungstheorien in Umlauf gebracht hatten. Überdies war in zahlreichen Bundesstaaten durch den parteipolitisch motivierten Neuzuschnitt von Wahlkreisen mit afroamerikanischer Bevölkerungsmehrheit immer wieder das Wählervotum verfälscht worden.

Die Gefahr des "Reichtagsbrand-Moments"

Als "weiß, männlich, rassistisch" wird dieses System beschrieben. Gessen hat ihr Buch im April 2020 beendet – und damit noch vor den Ereignissen nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd und Präsident Trumps Drohung, die Armee gegen Demonstranten einzusetzen.

Auch deshalb: Wie hellsichtig ihre Voraussage, dass irgendwann jeder Autokrat auf einen "Reichstagsbrand-Moment" setze, ergo auf einen Vorwand, nicht nur Gesetze, sondern das gesamte System auszuhebeln. Doch was ließe sich dagegen tun? Masha Gessens  Präferenz für dezidiert linke Demokraten, die sich dem üblichen Machtspiel wiedersetzen, wird nicht jeder Leser teilen, sondern vermutlich hier sogar profunden Widerspruch anmelden – gerade jetzt, wo alles darauf ankommt, möglichst breite Mehrheiten gegen Trump zu gewinnen.

Plausibler hingegen ihr Insistieren auf der Verteidigung und Neu-Justierung der vorhandenen Institutionen als Barriere gegen autoritäres Regierungshandeln. Denn so wichtig jemand wie Sacharow im Kampf gegen das Lügen-System in der UdSSR auch gewesen war – es wäre schlimm bestellt um die USA, gäbe es dort tatsächlich nur noch einzelne Bürgerrechtler und Dissidenten als letzte Hoffnung. Masha Gessen aber hat tatsächlich das Buch zur Stunde geschrieben.

Masha Gessen: Autokratie überwinden
Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind und Karlheinz Dürr
Aufbau Verlag, Berlin 2020
299 Seiten, 20 Euro

 

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