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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 18.02.2019

Maryam Zaree über ihren Debüt-Film "Born in Evin" Geboren im Foltergefängnis

Moderation: Katrin Heise

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Die Schauspielerin und Regisseurin Maryam Zaree bei der Berlinale 2019 (dpa / picture alliance / Clemens Niehaus / Geisler-Fotopress)
"Diese Erfahrung von Entmenschlichung ist Teil von mir", sagt Regisseurin Maryam Zaree über ihre Geburt im Foltergefängnis. (dpa / picture alliance / Clemens Niehaus / Geisler-Fotopress)

1983 wurde sie im iranischen Foltergefängnis Evin geboren. 2015 trat Maryam Zaree im "Tatort" erstmals als Gerichtsmedizinerin auf. In ihrem Film "Born in Evin" ging sie auf Spurensuche – und erhielt dafür nun den Kompass-Perspektive-Preis auf der Berlinale.

Gerichtsmedizinerin im "Tatort", Assistentin im "Polizeiruf" und Frau eines Gangsterbosses in "4 Blocks"  – die Schauspielerin Maryam Zaree ist mit sehr unterschiedlichen Rollen bekannt geworden. Auf der Berlinale zeigte sie in diesem Jahr ihr Regiedebüt, den Dokumentarfilm "Born in Evin". In dem berüchtigten iranischen Foltergefängnis ist sie 1983 geboren, aufgewachsen im Exil in Deutschland. In ihrem Film geht sie der Geschichte ihrer Familie nach. Die Eltern hatten über die näheren Umstände der Haft und ihrer Flucht lange geschwiegen – auch ihre Mutter, eine bekannte grüne Politikerin, die selber als Traumatherapeutin arbeitet.

Während ihrer Recherche sei sie zu der Erkenntnis gekommen, dass sie von den Überlebenden nicht erwarten könne, den richtigen Umgang, damit zu finden, sagt Maryam Zaree. "Allein, dass sie am Leben sind, allein, dass sie ja zum Leben sagen, ist ein solcher Akt der Resilienz." Zugleich habe sie als Vertreterin der zweiten Generation ein Anrecht darauf, zumindest nachzufragen, weil es auch um die Tradierung gehe und um die Frage:

"Wie tragen wir das weiter? Und dies ist ein fast emanzipatorische Prozess zu sagen: Ja wir haben ein Anrecht und ja, aber natürlich dürfen sie auch schweigen. Und letztendlich würde ich sagen: Es ist nur ein vermeintliches Schweigen, man spricht ja durch sein Gestik, seine Mimik, dadurch wie man lebt, wofür man kämpft. All das ist natürlich eine Form der Sprache, die ja eigentlich auch von der Traumaerfahrung spricht."

Politisierung durch Traumatisierung

Ihre eigene Politisierung führt die heute 35-Jährige auf ihre frühe, traumatische Erfahrung zurück. "Auch wenn ich ein kleines Baby war an diesem schrecklichen Ort. Aber diese Erfahrung von Entmenschlichung ist so Teil von mir und viel universeller als dieses Rechts-, Linksdenken. Diese ideologischen Kämpfe, für die ja auch dieses Gefängnis gestanden hat, die gilt es für mich zu überwinden."

Die "sehr emotionalen" Reaktionen auf den Film haben sie überrascht. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Reaktionen so emotional sein werden; und zwar nicht nur von Menschen, die aus diesen iranischen Vergangenheitskontext oder diese Verfolgungserfahrung haben, sondern auch von Menschen, die überhaupt nichts mit dem Thema zu tun haben. Da ist  etwas in die Welt gekommen. Und ich habe manchmal das Gefühl, das hat auch meine persönliche Geschichte verlassen – und das existiert jetzt so für sich."

Glückliche Kindheit in Deutschland

Trotz der schrecklichen Umstände ihrer ersten Lebensmonate sei ihre Kindheit in Deutschland "glücklich" gewesen. Ihre Mutter und ihr Stiefvater, Psychoanalytiker und Sohn von Holocaust-Überlebenden, hätten sie im Geiste der 68er erzogen. "Zornige Zwerge" hieß der selbstverwaltete Kinderladen, den sie besuchte, in der Schule konnte sie das Fach "Darstellendes Spiel" wählen. "Mein Theaterlehrer an der Schule war einer der Mitbegründer das Unterrichtsfachs, war auch Alt-68er und hat seine Schauspiellaufbahn aufgegeben, weil es galt an die Schule zu gehen und die folgenden Generationen für die richtigen Dinge zu begeistern."

Zaree wollte dann unbedingt Schauspielerin werden und ließ sich auch nicht davon abbringen, als sie zweimal abgelehnt wurde. Schließlich landete sie an der Potsdamer Filmuniversität Konrad Wolf. Dort traf sie auf den Filmemacher Burhan Qurbani, mit dem sie den Film "Shahada" drehte. Der Film wurde damals zur Berlinale eingeladen – und bedeutete ihren Durchbruch.

Mehr zum Thema:

"Durch meine eigene Haft weiß ich, dass jede Stimme zählt"
(Deutschlandfunk, Corso, 07.06.2013)

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