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Buchkritik | Beitrag vom 31.12.2020

Mary Beth Keane: "Wenn du mich heute wieder fragen würdest"Was wiegt mehr – das Gute oder das Böse?

Von Rainer Moritz

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Buchcover zu Beth Keane: "Wenn du mich heute wieder fragen würdest" (Ullstein/Deutschlandradio)
Zwei Familien stürzen ins Unglück: Mary Beth Keanes Roman "Wenn du mich heute wieder fragen würdest". (Ullstein/Deutschlandradio)

Was als harmonisches Nebeneinander zweier Familien beginnt, entwickelt sich zu einer dramatischen Geschichte über Schuld und Vergeben. Aus vertrauten Zutaten erschafft die Amerikanerin Mary Beth Keane einen beeindruckenden Roman.

Ja, das ist ein typisch amerikanischer Roman. Ja, "Wenn du mich heute wieder fragen würdest" (im Original: "Ask Again, Yes") wirkt auf den ersten Blick wie ein am Reißbrett entstandenes Buch, das alle Zutaten eines gut konstruierten, auf den Gefühlshaushalt der Leserinnen und Leser abzielenden Plots aufweist. Und dennoch: Mit ihrem dritten Roman hat die 1977 geborene und in Pearl River, NY lebende Mary Beth Keane den Beweis angetreten, dass sich auch mit vertrauten Ingredienzen etwas Unverwechselbares und Überzeugendes erschaffen lässt.

Über gut vier Jahrzehnte – von 1973 bis 2017 – erstreckt sich der Handlungszeitraum des Romans, der als klassisches Zweifamilienstück in der Gemeinde Gillam vor den Toren New York Citys einsetzt. Dort, wo das Wohnen noch bezahlbar ist, lassen sich zwei junge Polizisten – Francis Gleeson und Brian Stanhope – mit ihren Familien nieder. Beide kennen sich vom gemeinsamen Streifendienst in der Bronx, und alles deutet auf eine unkomplizierte, freundschaftliche Nachbarschaft in dem ruhigen, etwas langweiligen Ort hin.

Schwere Gesichtsverletzungen

Doch der Schein trügt: Während Francis’ Frau Lena rasch Kinder bekommt, vermeidet Brians abweisende Frau Anne, die eine Fehlgeburt zu verkraften hat, jeden Kontakt und verstört ihr Umfeld immer wieder. Als sie schließlich doch einen Sohn, Peter, zur Welt bringt und Lena fast gleichzeitig Mutter eines dritten Kindes, Kate, wird, sind die familiären Konstellationen komplett – und die nahenden Eskalationen vorbereitet.

Denn Anne will nicht hinnehmen, dass Peter und Kate zu engen Freunden werden, ja sich mehr zwischen ihnen anzubahnen scheint. Als beide 14 sind, kommt es – etwa nach einem Viertel des Romans – zu einer Katastrophe, die das Leben der Gleesons und Stanhopes von Grund auf verändert: Im Affekt greift sich Anne eine Waffe und schießt auf Kates Vater Francis, der schwere Gesichtsverletzungen davonträgt und seinen Dienst als Polizist quittieren muss.

Liebe gegen alle Widerstände

Mary Beth Keane erzählt nüchtern und zugleich hoch emotional von den fatalen Folgen dieses Schusses: Francis, von seiner Frau umsorgt, hadert mit dem Schicksal und gibt dennoch nicht klein bei. Anne kommt für lange Jahre in die Psychiatrie; Brian macht sich aus dem Staub, und Peter wächst bei dessen Bruder George auf, der sich rührend um das Wohlergehen seines begabten Neffen kümmert (und zudem eine großartig gezeichnete Romanfigur ist). Durch Annes Tat nicht zu zerstören ist die Liebe zwischen Kate und Peter. Wie sie um ihre Zusammengehörigkeit gegen alle Widerstände kämpfen, macht ihr von Rückschlägen geprägtes Leben aus.

Keanes Roman ist ein Pageturner im besten Sinne, ein Roman, der nur selten in kitschiges Fahrwasser gerät und bei all seinen nicht wenigen Einzeltragödien von Existenziellem handelt, von Vergeben und Verzeihen etwa – und von der so einfachen wie komplexen Frage: "Was wiegt mehr? Das Gute oder das Böse?"

Mary Beth Keane nennt unter anderem Elizabeth Strout oder William Trevor als Vorbilder. Ihrem Schreiben kommt das offensichtlich zugute, denn "Wenn du mich heute wieder fragen würdest" hat eine psychologische Tiefe, die mit der üblichen amerikanischen Romankonfektionsware nichts gemein hat.

Mary Beth Keane: "Wenn du mich heute wieder fragen würdest", Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Wibke Kuhn
Eisele, München 2020
464 Seiten, 24 Euro

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