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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 20.04.2018

Marx und die "Akkumulation"Die große Verwertung geht immer weiter

Von Mathias Greffrath

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Unglückliche Arbeiter stützen einen fetten Geschäftsmann (imago  / Eva Bee)
Unglückliche Arbeiter stützen einen fetten Geschäftsmann (imago / Eva Bee)

Wo die Bourgeoisie regiert, gebe es kein Band mehr zwischen Mensch und Mensch und es herrsche das nackte Interesse an gefühlloser, barer Zahlung, heißt es in Marx' Kommunistischem Manifest. Der Publizist Matthias Greffrath blickt auf diese "ursprüngliche Akkumulation".

Berittene Gendarmen prügeln auf elende Landarbeiter ein, die im preußischen Wald nach Brennholz suchen - das ist die erste Szene in Raoul Pecks Film über den jungen Karl Marx. Die brutale Szene spielt im Jahr 1842; sie verweist auf das, was Marx im "Kapital" die "sogenannte ursprüngliche Akkumulation" genannt hat: die Gewalt, die am Anfang des Kapitalismus stand.

Die gewalttätigen Ursprünge des Kapitalismus

Gegen das erzliberale Märchen von "einer fleißigen, intelligenten und vor allem sparsamen Elite", die aufgrund dieser Tugenden zu Unternehmern wurde und einer faulenzenden, minderbegabten oder antriebslosen Unterschicht, die sich bestenfalls zur Lohnarbeit verdingen konnte, und gegen die Behauptung, die liberale Wirtschaft sei ein Reich der Vertragsfreiheit, rekonstruiert Marx im "Kapital" die gewalttätigen Ursprünge das Kapitalismus: das Verbot des Holzsammelns im rheinischen Preußen gehörte dazu. Und weiter: die Ausbeutung der Kolonien, die Handelsgewinne, das Gold aus Lateinamerika, die Enteignung von Kirchengütern, Kapitalisisierung des Grund und Bodens, vor allem aber – und hier war England Marxens Musterbeispiel - die Einzäunung der ehedem von allen genutzten Weiden, die Entfeudalisierung des Grundbesitzes, die Vertreibung der Bauern von ihren Äckern, und damit die Entstehung eines Heeres billiger Arbeitskräfte für die ersten Fabriken.

Das Landvolk wurde in die Lohnarbeit gepeitscht

Für lange Jahrzehnte legten Zwangsgesetze Höchstlöhne und Mindesarbeitszeiten fest, wurden Armut und "Herumtreiberei" kriminalisiert. "So wurde – schreibt Marx – das von Grund und Boden gewaltsam enteignete, verjagte und zum großen Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert". Erst "im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelte sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt". Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar immer noch angewandt - etwa wenn die Arbeiter im Streik ihre Leistung vom Markt nehmen – aber nur ausnahmsweise. Aber auch das ist noch nicht so lange her, wenn wir an die Arbeitskämpfe des 20. Jahrhunderts denken.

Die kapitalistische Maschine kennt keine Bremsen

Die Verwandlung traditioneller und gemeinschaftlicher Produktions- und Eigentumsverhältnisse und Kulturen aber hat nie aufgehört. Die kapitalistische Maschine, einmal in Gang gesetzt, kennt keine Bremsen. Der Zwang zur Akkumulation und die Konkurrenz zwingen das Kapital zur Eroberung immer neuer Märkte, Rohstoffquellen und billiger Arbeitskräfte. Mal als Imperialismus, mal ohne militärische Gewalt als Globalisierung, in der schützende Zölle, Gewerbeordnungen und nationale Gesetzgebungen aufgelöst werden. Kleine Gewerbe unterliegen im Konzentrationsprozess, die industrielle Landwirtschaft zerstört die bäuerlichen Kulturen und ihre Werte, die Frauenerwerbstätigkeit macht aus häuslichen Verrichtungen immer neue Gewerbezweige, Freizeit wird zum profitablen Geschäft mit immer neuer Moden, Ablenkungen, Spielen. So werden Städte und Regionen zu Transit-Räumen, belebt oder entwohnt nach der Logik des Kapitals, Familien zum Ort, wo "Humankapital" aufgezogen, Bedürfnisse erzeugt und Kaufkraft generiert wird. Und schließlich – und das haben wir in den letzten Jahrzehnten erlebt –, werden die gemeinschaftlichen Einrichtungen der sozialen Sicherung, die Arbeiterbewegung und Bürgertum geschaffen haben – Gesundheitswesen, Infrastruktur, kulturelle Einrichtungen, kommunaler Wohnungsbau – privatisiert, um dem überschüssigen Kapital neue Profitfelder zu eröffnen. Akkumulation durch Enteignung von Gemeinbesitz – der Mechanismus der Ursprünge kehrt am vorläufigen Ende des Kapitalismus zurück.

Zwang der Verwertung durchzieht die Gesellschaft

Heute wird niemand verprügelt, wenn er Reisig sammelt, aber die Kapitalisierung von Zeit und Raum nimmt kein Ende und hat viele Formen. Auf den Boulevards werden die Bänke abgeschraubt: man soll kaufen und nicht verweilen oder flanieren. Und mit der Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeit wird die Trennung von Arbeit und Freizeit durchlöchert. Physische Gewalt ist in all dem nicht mehr zu spüren, aber der Zwang der Verwertung durchzieht die Gesellschaft mehr denn je zuvor.

(imago/Horst Galuschka)Der Publizist Matthias Greffrath beim Großen Abend über Karl Marx auf der Phil.Cologne 2017. (imago/Horst Galuschka)Mathias Greffrath, Soziologe und Journalist, Jahrgang 1945, arbeitet für "Die Zeit", die taz und ARD-Anstalten über die kulturellen und sozialen Folgen der Globalisierung, die Zukunft der Aufklärung und über Theater. Letzte Veröffentlichungen unter anderem: "Montaigne – Leben in Zwischenzeiten" und das Theaterstück "Windows – oder müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen?".

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