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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.07.2011

Martin Walser: Religion und Literatur gehören zusammen

Der Schriftsteller über sein neues Buch "Muttersohn"

Martin Walser im Gespräch mit Sigried Wesener

Der Schriftsteller Martin Walser steht vor seinem Haus in Nußdorf bei Überlingen am Bodensee. (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Der Schriftsteller Martin Walser steht vor seinem Haus in Nußdorf bei Überlingen am Bodensee. (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)

Die Religion der Theologie zu überlassen, sei "Wahnsinn"; die Dichtung der Literaturwissenschaft zu überlassen, sei "Blödsinn", sagt der Autor Martin Walser. Ursprünglich habe es keinen Unterschied zwischen Religion und Literatur gegeben. In seinem Buch "Muttersohn" bringt er beides zusammen.

Klaus Pokatzky: Es sei die "lichteste Figur", die er je geschaffen habe, das hat Martin Walser gesagt über den Protagonisten seines neuen Romans "Muttersohn". Heute Abend liest er in Bad Schussenried erstmals daraus vor, bevor das Buch dann ab Freitag in den Läden zu kaufen ist. Martin Walser - der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und des Büchner-Preises - hatte eine Zeit unglaublicher Produktivität hinter sich: Er hat seine Tagebücher und ein Balladenbuch veröffentlicht, er hat geschrieben über Goethes letzte Liebe und dann - gewissermaßen als eine Art Vorgeschmack auf das aktuelle Buch, die Novelle "Mein Jenseits". Meine Kollegin Sigried Wesener hat Martin Walser getroffen und mit ihm über seinen neuen Roman gesprochen. Als Erstes fragte sie ihn, ob "Muttersohn", wie schon die vergangenen Bücher, eine Art Schlusspunkt darstellen soll.

Martin Walser: Ja, das haben Sie fein erfühlt! Das ist ganz genau der Zustand, das Wort Schlusspunkt kann gar nicht hart und distinkt sein, weil ... Ich weiß auch nicht, woher das kommt, man muss natürlich solche Sache sich selber auch nicht glauben, aber man ist ganz und gar erfüllt von diesem Schlusspunktgefühl und denkt, Gott, jetzt nie mehr, das war's jetzt, damit hat's sich und so weiter. Man wird sich nie mehr davon erholen oder so ähnlich.

Sigried Wesener: Denn dieser Roman hat noch mal alles im Blick ...

Walser: ... ja ...

Wesener: ... nicht nur das eigene Leben, sondern eigentlich die ganze Kulturgeschichte der westlichen Zivilisation.

Walser: Na ja gut, dafür ist man sozusagen nicht verantwortlich. Aber die unschuldige Kleinigkeit, mit der so ein Roman anfängt, mit einem Satz, verstehst du, so ... Und man hat auch nur so ein komisches Gefühl, dass man etwas schreiben möchte, und ein bisschen ... Gut, man hat da paar Figuren im Kopf, aber die sind auch noch lange nicht auf dem Papier. Aber auf jeden Fall, so wenig, nur viel Gefühl, aber so wenig Wirklichkeit, und dann fängt man an und dann produziert das Schreiben den Rest. Wobei man immer sagt, man weiß nicht, wie das weitergehen soll, nicht wahr, in diesem Fall, da habe ich mich diesem Percy überlassen. Nicht wahr, der Percy hat mich getragen. Und ich wusste, das war natürlich, muss ich schon sagen, mehr als ein Bedürfnis, das war ein Füllegefühl, einen solchen Buben wollte ich machen. Aber was mache ich mit so einem Percy in dieser Welt? Ich musste diesem Percy also eine Wirklichkeit bereiten. Für mich ist ja eine Frequenz, eine Seelenfrequenz, eine Glaubenspotenz, ein Lebenswunsch, eine Nicht-Anbringbarkeit in dieser Zeit und Gesellschaft, ein Äußerungsbedürfnis, der will so sein, wie er ist.

Wesener: Aber Sie erfinden ihm natürlich auch eine Art Biografie, eine Zuschreibung. Er ist etwa 30 Jahre alt, Krankenpfleger in einer psychiatrischen Anstalt, und dieser Percy ist so etwas wie ein moderner Jesus, hatte ich den Eindruck beim Lesen, weil viele Anzeichen deuten auf ihn: das Alter, die unglaubliche Auswirkung auf andere Menschen, die freie Rede. Ist ja dieser Percy so etwas wie ein Jesus unserer Zeit?

Walser: Ich finde, dass ... Der Percy beurteilt alles, was ihm in den Kopf kommt, ob es schön ist für ihn oder nicht schön. Er favorisiert schöne Vorstellungen und er verabschiedet alle hässlichen Vorstellungen, und das hat dann etwas mit Liebe zu tun. Er sagt, Lieben macht die Welt schön, und Hass ist ihm fremd. Er will keinen Menschen davon überzeugen, dass er keinen biologischen Vater hatte, aber er selber möchte daran glauben dürfen. Also das ist sein Umriss.

Wesener: Ich glaube, was ich glauben will, ist einer seiner Sätze, und er fühlt sich im Zustand des Allem-Zustimmen-Könnens. Das ist natürlich eine Verführung, aber auch eine gefährliche Figur für einen Autor. Man muss ihn abfedern, zumal wenn es um deutsche Geschichte geht, und Sie haben es auch getan in den Biografien anderer. Aber dieser Blick auf die Welt, das Gute, das Liebende, dieser liebende Blick, das ist ja ein zutiefst Walsersches Thema. Ist es möglicherweise auch eine Alterserfahrung, auf die Dinge noch mal mit Distanz und anderer Gelassenheit zu blicken?

Walser: Also, ich kann es derart, wie Sie es anbieten, nicht verallgemeinern. Der Percy begegnet ja auch einer Gegenfigur, der Katze, und er begegnet überhaupt, dass es diese intellektuelle und politische Praxis gibt, andere herunterzumachen. Und er studiert das sozusagen, die Heruntermacher. Er kriegt geradezu Luftnot, wenn er wieder einen Heruntermacher erlebt. Das, kann ich jetzt so sagen, wenn Sie gestatten, das ist keine Altersfrucht, sondern ich war immer, also jetzt einfach im Gefühl: Schön kann das Heruntermachen nie sein, das Hassen kann nie schön sein. Schön sein kann eben das Gegenteil, die Liebe und so weiter. Ich habe eingezogen die Texte von Augustin, von Seuse, von Jakob Böhme, von Emanuel Swedenborg.

Wesener: Von Philosophen, die in Ihrem Werk immer wieder eine wichtige Rolle spielen, weil eben auch über Glaube unabhängig auch von der Kirche, über Glaube, der sich eher an die Menschen, an der Natur eigentlich, an der Natürlichkeit orientiert ...

Walser: ... ja, das habe ich dem Percy so sehr zu eigen gemacht, dass ich also auch sagen kann, darauf bin ich nicht jetzt gekommen durch Alter oder so. Ich habe immer schon – immer schon nicht, aber ich habe durch meinen Vater Swedenborg geerbt, mit einem Büchlein.

Wesener: Hat sich Ihre Haltung zum Glauben gewandelt? Ist der Glaube für Sie heute wichtiger denn je geworden?

Walser: Es gibt ja diesen dritten Teil in dem Buch, "Mein Jenseits", der ist dafür da, der Professor, nicht wahr, der sagte, wir glauben mehr, als wir wissen, aber der Glauben ist überhaupt nichts Positives, nichts Gesichertes, nichts, was man hat und immer hat und worauf man ruhig einschlafen kann, sondern der Glauben ist eine andauernde Lebensleistung, ein Lebensbeweis. Der Professor sagt also, eine Sekunde Glaube ist mit tausend Stunden Zweifel bezahlt. Also das gibt es nicht. Das ist natürlich ein Angebot an Sie, jetzt zu sagen, ja jetzt ist er so und so alt, jetzt kommt er mit dem Glauben, aber das ist nicht der Fall. Ich habe natürlich den Prozess, den sprachlichen, den Bewusstseinsprozess des Glaubens in diesem Buch auch entwickelt.

Wesener: Mir fällt aber bei der Gelegenheit ein Satz von Günter Grass ein: Glaube, Liebe, Hoffnung als die Ladenhüter des Neuen Testaments ...

Walser: Ja gut, das ist mir fremd. Also ich meine, das sind die drei größten Wörter in der menschlichen Sprache und über die müssen wir auch gar nicht hinauskommen.

Wesener: Die Figuren in Ihrem Roman sind keine religiösen Eiferer. Wir haben vorhin Percy, Anton Parzival Schlugen, Percy genannt, Parzival ist auch ein Hinweis auf Leselieben und Literaturerfahrung, möglicherweise auch die Vatersuche wie die Gralssuche. Dann ist die unglaublich starke Mutter, Josefine – die Betonung auf der ersten Silbe –, ist diese Mutter, und ich erinnere mich auch sehr gut an das Mutterbild im "Springenden Brunnen", doch so etwas wie ein Standbild der Mutter schlechthin. Vielleicht eine Maria, ein Marienbild, das einer großen Aufwertung bedarf?

Walser: Es gibt eine Stelle, da weiß auch der Percy, wenn er jemanden anrufen will, ruft er nicht Gott an, und sagt, der hat ja kein Gesicht, wer ist das, Gott, aber Maria, Maria hat ein Gesicht. Und Maria kann man anrufen, Maria ist ein Mensch gewesen, der durch die Religion ungeheuer geliftet wurde. Natürlich liegt es nahe, dass eine Mutter parallelisiert wird oder in den Bannkreis der Maria gerät, natürlich sind es auch die Frauen, die die Marienverehrung zur großen Kultur gemacht haben durch ihre eigenen Erfahrungen und so weiter, und so weiter. Und im "Springenden Brunnen" die Mutter und diese Mutter – obwohl diese Mutter natürlich deutlich, flach gesagt, religiöser tendiert als die im "Springenden Brunnen" –, aber in der sogenannten europäischen Geistesgeschichte sind Religion und Literatur auseinandergeraten. Es ist ganz klar, dass es ursprünglich keinen Unterschied gegeben hat zwischen Religion und Literatur, die Psalmen sind Dichtung, dieses Neue Testament ist Dichtung, das höchste, schönste Sprachding für den Percy ist das Weihnachtsevangelium. Das ist reine Literatur. Nur die Auseinanderentwicklung hat dazu geführt, heute Religion als etwas Spezialisiertes, das überlässt man der Theologie, und Literatur, Dichtung, ist auch etwas, das überlässt man der Literaturwissenschaft. Und diese – ich sag jetzt mal, bedauernswerten – Fehlentwicklungen, die will ich in meinem Roman zusammenbringen, weil sie zusammengehören, verstehst du. Also die Religion der Theologie zu überlassen, ist Wahnsinn, nicht wahr! Die Dichtung der Literaturwissenschaft zu überlassen, ist Blödsinn. Also, und deswegen, hier in der Josefine und dem Percy ist das die ursprüngliche Einheit von allem. Und wenn man so einen Romanmagnet in die Zeit hält, dann nimmt man auch in Kauf, was er alles anzieht, und das ist dann eben auch Politisches.

Die Äußerungen unserer Gesprächspartner geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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