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Buchkritik | Beitrag vom 27.11.2020

Martin Schäuble: „Cleanland“ Dystopie einer Gesundheitsdiktatur

Von Sylvia Schwab

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Cover "Cleanland" von Martin Schäuble (KJB Verlag / Deutschlandradio)
In "Cleanland" entwirft Martin Schäuble das Bild eines hygienediktierten Überwachungsstaats. Parallelen zur Jetztzeit sind unübersehbar. (KJB Verlag / Deutschlandradio)

Martin Schäuble ist für seine politischen Jugendbücher bekannt. Mal geht um Islamismus wie in „Blackbox Dschihad“ oder um Rechtsradikale wie in „Sein Reich“. Jetzt erzählt der studierte Politikwissenschaftler vom Leben nach einer Pandemie.

Der Ort: irgendwo in Europa. Die Zeit: nach einer Pandemie und dem "gesunden Wandel". Fünf Gesetze der Reinheit bestimmen das Leben in diesem hygienediktierten Überwachungsstaat, in dem immer und überall ein "Protector", ein Ganzkörperanzug, und ein Controller, ein Steuerungs- und Überwachungsgerät getragen werden.

Nachts desinfizieren Cleaner die Wohnungen, während deren Bewohner*innen mithilfe von "Nachtheiler"-Pillen tief schlafen. Statt Schule gibt es Homelearning. Küssen ist verboten. Und jede Wohnung hat eine Sicherheitsschleuse und einen Saferoom, in dem die Alten und Kranken hinter Glas "geschützt" leben.

Gesundheitsdiktatur unterdrückt Individualismus

Wie perfekt diese Gesundheitsdiktatur jeden Individualismus unterdrückt, bemerkt die fünfzehnjährige Schilo erst, als das System immer näherkommt, als der kleine Bruder ihrer Freundin Samira auf unbestimmte Zeit wegen Renitenz in einem Saferoom eingeschlossen wird und sie erfahren muss, dass ihr tot geglaubter Opa doch noch lebt – außerhalb des Staates, in den "Sicklands", die "verseucht, verdammt, verloren" sind. Und dann verschwindet Samira auch noch in einem Umerziehungslager.

Schilos Mutter, Mitarbeiterin im Ministerium, ist vollkommen absorbiert vom Regime und deshalb ignorant gegenüber der allgemeinen Unterdrückung. Hilfe findet das Mädchen allein bei Toko, ihrem nächtlichen Cleaner. Gemeinsam planen sie ihre Flucht.

Parallelen zu Corona unübersehbar

Erschreckend sind die Sicherheitsvorkehrungen dieser Zukunftsgesellschaft und man fragt sich besorgt, wie es wohl bei uns weitergeht mit und nach Corona. Dabei ist erstaunlich, wie präzise Martin Schäuble die vielen schwierigen Erfahrungen und Themen unserer Zeit mit technisch ausgeklügelten Science-Fiction-Motiven verbindet.

Er dreht die Corona-Schraube um ein paar Umdrehungen weiter und nimmt damit die Ängste ganzer gesellschaftlicher Gruppen in seine Geschichte auf. Seine Cleanland-Dystopie ist stringent entworfen, absolut gespenstisch und eine gezielte Warnung vor zu viel hygienebedingter Überwachung.

Fantasievoller Visionär

Wenn Martin Schäuble seinen Roman schon vor Corona entworfen hat, ist er ein fantasievoller Visionär. Sollte sein Zukunftsszenario erst mit Corona entstanden sein, ist es ein treffsicherer Schnellschuss. Was allerdings auch Schwächen mit sich bringt: Schilos Entschluss zur Flucht wird psychologisch kaum vorbereitet und kommt zu abrupt.

Und auch die Flucht selbst ist zu knapp und einfach geschildert. Man wird das Gefühl nicht los, dass der Autor nach der überzeugenden Darstellung der allgemeinen sozialen Verhältnisse im ersten Teil seines Buches dann am Schluss ein wenig unter Zeitdruck geriet.

Ein Buch zum Weiterdenken

Ansonsten ist "Cleanland" ein spannender Jugendroman, der die aktuelle gesellschaftliche Diskussion technisch und psychologisch interessant inszeniert und –wie die früheren Romane des Autors –       journalistisch versiert auf den Punkt erzählt.

Wie die Welt "nach Corona" bzw. nach dem im Roman diktatorisch durchgeführten "Gesunden Wandel" aussehen wird, ist eine spannende Frage - nicht nur in der Literatur. Ein Buch zum Weiter-Denken!

Martin Schäuble: "Cleanland"
KJB, Frankfurt 2020
205 Seiten, 14 Euro
Ab 12 Jahren

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