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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.07.2017

Martin J. Blaser: "Antibiotika overkill"Wenn Antibiotika bei Kindern überhandnehmen

Von Michael Lange

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Buchcover von "Antibiotika overkill", im Hintergrund: Tabletten. (imago/Herder Verlag)
Das Buchcover von "Antibiotika overkill" und Tabletten. (imago/Herder Verlag)

Husten, Schnupfen, Fieber. Wenn ein Kind plötzlich erkrankt, tut man alles, damit es wieder gesund wird – und greift immer häufiger zu Antibiotika. Das kann allerdings fatale Folgen haben, sagt der Infektiologe Martin J. Blaser in seinem aktuellen Buch.

Antibiotika sind eine wirksame Waffe gegen Infektionskrankheiten und haben Millionen Menschenleben gerettet. Aber jetzt schlagen sie zurück. Die Waffe wird stumpf, weil immer mehr Bakterien gegen Antibiotika unempfindlich sind. Warum, das so ist und welche mitunter dramatischen Folgen der Antibiotikaeinsatz hat, darüber hat Martin J. Blaser jetzt ein neues Buch geschrieben. Seit Jahrzehnten forscht der Mediziner zu Mikrobiologie und Infektionskrankheiten.

Ausführlich erklärt er in sachlicher Sprache, wie Antibiotika die Medizin revolutionierten und vermittelt, bevor er seine eigenen Ideen präsentiert, allgemeinverständlich jede Menge Wissen. Das reicht von der Geschichte der Antibiotika, ihrer Rolle in der Natur, der Bedeutung der Bakterien in unserem Darm bis zum aktuellen Umgang mit Antibiotika in Landwirtschaft und Medizin.

Als junger Arzt mit Hilfe von Antibiotika geheilt

Blaser ist kein Feind der modernen Pharmazie. Als Arzt und Wissenschaftler hält er Antibiotika auch in Zukunft für unverzichtbar. Nachdem er sich in Indien mit Typhus infizierte, wurde er selbst als junger Arzt mit Hilfe von Antibiotika geheilt. Bis heute empfiehlt er in kritischen Situationen immer wieder den Einsatz dieser hoch wirksamen Medikamente. Was ihn stört, ist die Verschreibungspraxis vieler Ärzte. Um auf Nummer sicher zu gehen – und insbesondere bei der Behandlung von Kindern - verschreiben sie prophylaktisch ein Antibiotikum, um eine möglicherweise gefährliche Bakterienvermehrung zu verhindern, oft ohne zu wissen, ob diese überhaupt droht. So werden Billionen harmloser und sogar nützlicher Bakterien im Menschen vernichtet: Antibiotika overkill.

Schädliche Keime können sich schneller ausbreiten

Viele Bakterien auf der Haut und im Darm kehren nach der Behandlung nur langsam oder gar nicht mehr zurück. Sie fehlen fortan als Teil der menschlichen Immunabwehr. Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Umwelt wird so erheblich gestört. Schädliche Keime können sich schneller ausbreiten, und die Schulung der körpereigenen Immunzellen, die zwischen gefährlich und harmlos unterscheiden müssen, funktioniert nicht mehr richtig. Allergien, Asthma, Diabetes 1 oder chronische Darmentzündungen sind die Folge. All diese Krankheiten nehmen dramatisch zu, seit Antibiotika immer häufiger zum Einsatz kommen. Martin J. Blaser sieht hier einen direkten Zusammenhang - wie auch in der zunehmenden Anzahl übergewichtiger Menschen.

Vieles noch unerforscht

In "Antibiotika overkill" liefert der Autor gute, nachvollziehbare Argumente für seine Theorie. Er präsentiert reichlich Basiswissen über das Zusammenleben von Menschen und Bakterien. So können sich Leser ein eigenes Bild machen, was im Fall einer Behandlung mit Antibiotika im Körper geschieht. Ob Martin J. Blaser mit seinen Theorien Recht behält, lässt sich heute nicht entscheiden. Vieles im Wechselspiel von Mensch und Mikroben ist noch unerforscht. Dass Antibiotika stark in das Zusammenleben von Mensch und Mikroben eingreifen, kann heute jedoch niemand mehr in Zweifel ziehen. Blasers Buch kommt daher genau zum richtigen Zeitpunkt: Denn ein Umdenken ist dringend nötig. Nicht nur für Mediziner, sondern für jeden von uns.

Martin J. Blaser: "Antibiotika overkill. So entstehen die modernen Seuchen"
Aus dem Englischen von Ulrich Magin
Verlag Herder, Freiburg 2017 
352 Seiten, 24,99 Euro

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