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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.09.2015

Martin Gayford - "Das Gelbe Haus"Malerei am Rande des Nervenzusammenbruchs

Von Dorothée Brill

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Aufnahme vom 23.09.2014 in Amsterdam während der Vorstellung des Programms für das Van-Gogh-Jahr 2015. (picture alliance / dpa / Koen Van Weel)
Aus Dahlien wurde ein Selbstportrait Vincent van Goghs (1853-1890) nachgebildet. (picture alliance / dpa / Koen Van Weel)

Vincent van Gogh und Paul Gauguin - zwei Giganten der Kunst - ziehen sich für neun Wochen im sogenannten Gelben Haus in Arles zurück. Martin Gayford hat in seinem Buch "Das Gelbe Haus" eine spannende Chronik dazu verfasst und bietet eine detailreiche Rekonstruktion dieser Tage.

"Ehrlich, Ihre Malerei ist die eines Irren." Glauben wir dem Künstler Émile Bernard, so war dies Cézannes Reaktion auf einige Gemälde Vincent van Goghs. Vielleicht hatte der weltberühmte Sonnenblumen-Maler diesen Ausspruch noch im Kopf, als er später ein Porträt, das Paul Gauguin von ihm gemacht hatte, mit den Worten quittiert haben soll: "Ja, das bin ich, aber als Wahnsinniger."

Die Verbindung zwischen einem künstlerischen Werk und der psychischen Verfassung ihres Urhebers ist bis heute Van Goghs Fluch wie Segen. Die enorme Popularität seiner Werke ist von dem Mythos eines Malers am Rande des Nervenzusammenbruchs nicht mehr trennbar. Das nun in deutscher Übersetzung erschienene Buch von Martin Gayford schlägt in die gleiche Kerbe. Das liegt in der Natur der Sache. Denn auf fast 500 Seiten widmet sich der britische Kunstkritiker lediglich jenen neun Wochen aus dem 37-jährigen Künstlerleben, an deren Ende sich Van Goghs Irresein allgemein bestätigte. Seine Attacke auf das eigene Ohr beschloss sein Leben außerhalb einer psychiatrischen Einrichtung. Es endete anderthalb Jahre später mit einer Kugel, die er sich in den Leib schoss.

Beginn eines Künstlerkollektivs

Gayfords Recherche beginnt zwei Monate vor jenem Wendepunkt, mit der Ankunft Gauguins am 23. Oktober 1888 im südfranzösischen Städtchen Arles. Für einige Zeit will er hier gemeinsam mit dem Holländer in dessen "Gelbem Haus" leben und arbeiten. Für jenen war Gauguins Ankunft der ersehnte Beginn eines Künstlerkollektivs, dem die Provence zum Ersatz für den Sehnsuchtsort der Tropen werden sollte.

Mit einer minutiösen, zuweilen unnötig detailreichen Rekonstruktion dieser intensiven Tage und Nächte des gemeinsamen Lebens und Malens, des Kochens, Trinkens und Diskutierens und der Besuche von Museen wie Bordellen, will Gayford die Dynamik zwischen den Männern beleuchten. Und er will die "irre" Tat in dem Van Goghschen Kosmos verankern. So erklärt er die Selbstverstümmelung überzeugend als Referenz auf die von Markus überlieferten Geschehnisse im Garten Gethsemane, auf eine Erzählung des vom Maler geschätzten Emile Zola und auf die Zeitungsberichte von Jack the Ripper. In allen drei Fällen ist das Abschneiden eines Ohres ein Akt der Bestrafung. In Rage wendet ihn der Maler auf sich selbst an, als er von Gauguins bevorstehender Abreise erfährt und tieftraurig, wütend und voller Selbstvorwürfe die Nacht allein im "Gelben Haus" verbringt. Vor seinem hitzigen Mitbewohner hatte sich der andere in ein Hotel zurückgezogen.

Kunst und Psyche

Am Ende des Buches ist sich Gayford sicher: Die Krankheit des Malers hätte man heute als bipolare Störung diagnostiziert. Jähzorn, Stimmungsschwankungen, Redesalven, Alkoholmissbrauch und die Arbeits- und Erregungsschübe, sowie die Phasen der Apathie passen in dieses Krankheitsbild. Er teilt es mit Künstlern, wie Schumann, Byron, Poe und Borromini. Allerdings steht deren Rezeption weit weniger im Schatten einer Krankheit, die Van Gogh kurz und knapp als "Künstlerwahn" titulierte. Insofern schlug er bereits selbst den Bogen zwischen seiner Kunst und seiner Psyche.

Martin Gayford: "Das Gelbe Haus – Van Gogh, Gauguin. Neun turbulente Wochen in Arles"
Aus dem Englischen von Klaus Binder
Piet Meyer Verlag, Bern 2015
488 Seiten, 26 Euro

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