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Interview | Beitrag vom 14.11.2019

Martin Dutzmann, Seelsorger im Bundestag"Das geringe Ansehen von Politikern ist unerträglich"

Moderation: Stephan Karkowsky

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Das Foto zeigt den Prälat und Bundestags-Seelsorger Martin Dutzmann. (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)
Martin Dutzmann beobachtet eine unglaublich gestiegene Arbeitsbelastung bei den Abgeordneten. (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)

Vor einer Woche brachen zwei Abgeordnete im Bundestag zusammen, für die heutige Sitzung sind 17 Stunden angesetzt. Bundestagsseelsorger Martin Dutzmann analysiert die Gründe für den Stress – und verlangt mehr Respekt für die Volksvertreter.

Stephan Karkowsky: Politiker haben es nicht leicht, das meine ich ganz ernst. Lob ernten sie nur selten. Irgendwie meckert immer jemand rum. Die Karrierechancen, so ungewiss wie das nächste Wählervotum. Die Arbeitszeiten unmenschlich.

Um neun Uhr geht heute die aktuelle Sitzung des Bundestages los, und bis 1:40 Uhr in der Nacht geht es dann Schlag auf Schlag. 17 Stunden will man sich konzentriert über Politik streiten, und nicht mal Wasser trinken ist erlaubt, hören wir von den Abgeordneten.

Sprechen wollen wir über den Stress im Parlament mit einem, der seine Schulter anbietet, wenn mal wieder alles zu viel wird. Der evangelische Prälat Martin Dutzmann ist für 700 Abgeordnete der Chefseelsorger im Bundestag. Vor einer Woche sind an einem solchen Donnerstag, wie heute, gleich zwei Abgeordnete zusammengebrochen. Eher Zufall oder nimmt der Stress wirklich zu?

Dutzmann: Dass das an dem einen Tag zwei Abgeordnete waren, ist sicherlich Zufall, aber richtig ist, der Stress nimmt zu. Das ist jedenfalls das, was ich sehr deutlich wahrnehme.

Allgemeine Beschleunigung und soziale Netzwerke

Karkowsky: Woran liegt es?

Dutzmann: Ich glaube, da gibt es eine ganze Reihe von Gründen, eine ganze Reihe von Faktoren. Das ist sicherlich einmal die allgemeine Beschleunigung, die uns, Sie und mich auch, in Atem hält und natürlich auch sich auf die politischen Verantwortlichen auswirkt.

Ich nehme als Beispiel das Unterwegssein in den sozialen Netzwerken. Politiker müssen mehr noch als andere auf vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen und ihre Aufmerksamkeit an ganz vielen Stellen gleichzeitig haben. Das ist früher nicht so gewesen.

Dann ist ein Faktor sicherlich das relativ geringe Ansehen dieses Berufsstandes, was ich für unerträglich halte, das sage ich ganz offen. Das sind die Menschen, die ihre Zeit und Kraft einsetzen, um unser Gemeinwesen zu gestalten, und die müssen sich ja nun wirklich mitunter in einer Weise anpöbeln lassen, wie sich das nicht nur nicht gehört, sondern auch unerträglich ist, bis hin zu dann auch körperlichen Angriffen. Wir haben die Exzesse ja jetzt auch vor gar nicht langer Zeit erlebt.

Das Dritte ist eine unglaublich gestiegene Arbeitsbelastung. Sie haben gerade in der Anmoderation gesagt, die Tagesordnung geht heute bis 01:40 Uhr, das heißt also nicht, dass um 01:40 Uhr auch Schluss ist. In der vergangenen Woche, als ich morgens von der Bundestagsandacht kam, begegnete mir auf der Straße eine Abgeordnete, die ich gut kenne, die war bis nachts um drei im Parlament gewesen und kam jetzt schon wieder zu spät zu ihrer ersten Sitzung und hatte Ringe unter den Augen und war natürlich auch entsprechend müde.

Das ist schon alles ziemlich viel. Ich wundere mich immer wieder darüber und bin am Ende auch dankbar dafür, wie hochmotiviert unsere Abgeordneten dennoch sind.

Die AfD hat den Bundestag atmosphärisch verändert

Karkowsky: Sie sind seit vielen Jahren nun Seelsorger im Bundestag. Mit welchen Problemen kommen denn die Abgeordneten zu Ihnen? Gibt es da Themen, die sich immer wiederholen?

Dutzmann: Es gibt vor allen Dingen seit 2017 Themen, die sich immer wiederholen, das muss ich leider sagen, das ist das Thema AfD. Mit dem Einzug der AfD in den Bundestag haben sich viele Dinge sehr verändert, atmosphärisch verändert, und das belastet die Menschen.

Neulich habe ich von einem Abgeordneten den Satz gehört, wenn Sie wissen wollen, was höhnisches Gelächter ist, dann setzen Sie sich mal neben die AfD im Deutschen Bundestag. Andere sagen mir, es ist unerträglich, ständig diese halblauten Bemerkungen, die die Öffentlichkeit dann gar nicht mehr mitkriegt, Bemerkungen, die in der Regel destruktiv sind, verachtend sind.

Darunter leiden die Abgeordneten, mit denen ich spreche, schon extrem. Dann kommt hinzu, dass ja von der AfD vielfach auch Geschäftsordnungsanträge gestellt werden, die das Ganze in die Länge ziehen, dass mitten in der Nacht Abstimmungen beantragt werden, letztendlich um zu schauen, ob noch alle da sind. Das sind natürlich lauter zusätzliche Belastungen.

Karkowsky: Sie haben vorhin gehört, wie sich Herr Kubicki positioniert hat, da steht er sicherlich nicht ganz alleine, nach dem Motto: Klar haben wir Stress, aber wer das nicht abkann, der hat hier auch nichts zu suchen. Müssen Politiker das abkönnen?

Dutzmann: Nein, das müssen sie nicht. Das müssen sie genauso wenig wie andere Menschen auch, sondern ich finde, sie haben das Recht, erstens, natürlich auf Ruhezeiten wie andere Menschen auch, und sie haben aber vor allen Dingen das Recht auf Respekt und Achtung für das, was sie tun.

In Gesprächen zeigen die Abgeordneten sich verletzlich

Karkowsky: Sie kennen natürlich auch den Fall Robert Enke, der hat sich vor zehn Jahren umgebracht, ein Leistungssportler. Das hat für Umdenken gesorgt und eine Atmosphäre geschaffen, in der sich Athleten zumindest heute zu ihren Problemen bekennen können. Ist der Sport da womöglich schon weiter als die Politik?

Dutzmann: Ja, das könnte sein, wobei ich in Gesprächen mit Abgeordneten und Mitgliedern der Bundesministerien schon erlebe, dass Menschen sich verletzlich zeigen. Das ist nicht so, dass die jetzt alle irgendwie den harten Kerl oder die harte Frau herauskehren. Das sehe ich so nicht. Aber richtig ist, wir müssen über diese Dinge reden. Insofern bin ich Ihnen auch dankbar für dieses Gespräch heute Morgen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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