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Fazit | Beitrag vom 26.06.2021

Marthalers "Aucune idée" in LausanneZwei Menschen, ein ganzer Kosmos

Von Jörn Florian Fuchs

Graham F. Valentine und Christoph Marthaler. (Théâtre Vidy-Lausanne)
Graham F. Valentine und Christoph Marthaler führen eine Art Kunstehe. Niemand dürfte in mehr Marthaler-Abenden aufgetreten sein als der Schotte. (Théâtre Vidy-Lausanne)

Christoph Marthalers neues Stück dreht sich um seinen Freund Valentine F. Graham. Es heißt zwar „Aucune idée", also „Keine Ahnung“, doch der Titel führt in die Irre. Der Einfallsreichtum ist immens. Ein wahrer Volltreffer, wie unser Kritiker findet.

In den 1960er-Jahren kam ein schottischer Student namens Graham F. Valentine nach Zürich und buchte sich bei den Eltern des damals 17-jährigen Christoph Marthaler ein. Vater und Mutter Marthaler betrieben ein Wohnheim, waren theologisch interessiert und trotzdem sehr offen. Im Sohn Christoph wiederum erwachte früh eine Liebe zu Dada und Anarchie, die auch Valentine teilte, und bald entstand eine bis heute währende Künstlerbeziehung.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)Es ist fast schon eine Art Kunstehe, denn der Schotte dürfte in mehr Marthaler-Abenden aufgetreten sein als alle übrigen Akteure. Höchste Zeit also, ihn in den Mittelpunkt eines Stücks zu rücken! Der Titel "Aucune idée" führt jedoch herrlich in die Irre, denn der Einfallsreichtum ist immens.

Eine Flucht aus Gängen und Türen ist zu sehen, dazu ein halboffener Salon (Bühne: Duri Bischoff), in dem mal der wunderbare Cellist Martin Zeller auftaucht, mal Valentine in unzähligen Kostümierungen und Rollen.

Der wohl höflichste Einbrecher aller Zeiten

Zeller hat bisweilen einen alten Kassettenrekorder dabei, aus dem Wagners "Tristan" scheppert, während der Musiker zweifelnd verzweifelnd ein paar eigene Töne beisteuert. Zeller und Valentine sind – überwiegend – gute Nachbarn, was sie durch Überreichen eines Geburtstagstörtchens oder auch die manisch wiederholte Bitte nach dem Ausleihen von Kochzutaten betonen.

Marthaler lässt Valentine in altbekannte Rollen schlüpfen: Er darf als skurriler Vertreter auftreten oder extrem gut gekleidet extreme körperliche Verrenkungen verrichten. Und er ist einmal mehr Vokalakrobat, flüstert, schreit, rezitiert mit scharrender, schnarrender Stimme viel (Un-)Sinn von Schwitters, Micheaux oder Perec.

Außerdem ist er der wohl höflichste Einbrecher aller Zeiten, indem er vorsichtig anklingelt und um Geld bittet, weil ihm das Einsteigen übers Fenster zu anstrengend ist – man wird halt älter. Wenn Valentine den Briefkasten leert, erschlagen ihn herausfallende Bibeln oder Werbematerial, aus Letzterem macht er gleich ein Gedicht.

Ein herrschsüchtiger Heizkörper

"Aucune idée" ist ein wunderbar komponierter Reigen, bei dem sich gegen Ende noch ein dritter Protagonist einschleicht: Mehrfach schon grummelte und gluckste ein alter Heizkörper, nun spricht er und kündigt die Herrschaft über Haus und Salon an, sein Druckmittel wird die stetige Erhöhung der Temperatur sein!

Hatte Christoph Marthaler zuletzt bei mehreren Opernarbeiten (etwa Aribert Reimanns "Lear" in München mit Valentine als Narr) nur begrenzt Fortune, so gelingt ihm in Lausanne ein Volltreffer. Demnächst geht das Stück auf Tour, leider vorwiegend im frankophonen Raum.

"Aucune idée" von Christoph Marthaler
Uraufführung im Théâtre Vidy-Lausanne

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