Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Samstag, 18.08.2018
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.09.2016

Marthaler an der VolksbühneSelbstironische Abschiedsvorstellung

Von André Mumot

Podcast abonnieren
Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler  (picture alliance / dpa / Barbara Gindl)
Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler (picture alliance / dpa / Barbara Gindl)

Ein schlecht gepflegter Museumsraum als Bühnenbild, die Schauspieler sind folienverpackt und entsteigen Kisten: Christoph Marthalers anrührend unspektakuläre Sonderlingsrevue "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" wirkt wie ein augenzwinkernder Kommentar zum bevorstehenden Intendantenwechsel.

Es sind nur zarte Anspielungen, die an dieser Spielzeiteröffnung auf die Zukunft der Berliner Volksbühne gemacht werden. Aber ein Zufall kann es unmöglich sein, dass Anna Viebrock ihr Bühnenbild als speckigen, schlecht gepflegten Museumsraum anlegt – nun, da das Haus von Museumsleiter Chris Dercon in seine internationale, multimediale Zukunft geführt werden soll.

Christoph Marthaler reagiert auf die Krise und die allgemeine Hysterie, die diese Personalie erregt, jedoch in der für ihn typischen stillen Gelassenheit, wenn auch keineswegs ohne bissige Spitzen.

In den Mittelpunkt seiner Sonderlingsrevue setzt er als tragikomischen Helden einen Inspizienten (Marc Bodnar), der zu Beginn die angestaubten Exponate aus dem Keller holt: Es ist das Ensemble selbst, dick verpackt in Folie und schweren Kisten, das sich in Folge nur schwer kontrollieren lässt.

Ergraute Damen und Herren

Die Damen und Herren, beinahe allesamt leicht ergraut, tun noch einmal, was sie können: Sie singen, rezitieren, legen Gala-Auftritte hin, kleine Abschiedsvorstellungen und innige Tänze. Oder sie kichern, wie die herrliche Irm Herrmann, die aus ihrer Handtasche Glückskekse fischt und deren schwachsinnige Lebensweisheiten vorliest.

Sophie Rois ist in diesem Reigen die einzige, die auch mal laut werden darf, wenn sie italienische Chansons über die Rampe schmettert, ansonsten herrscht im musikalischen Ablauf Piano und Pianissimo. Kein dramaturgischer Bogen wird gespannt, dafür wechseln sich kauziger Slapstick, zärtliche Gesten und wehmütige Blicke.

Marthalers Theater, diesmal beinahe ohne Dialog, will mit Feuereifer unzeitgemäß sein, entzieht sich dem Modernitätsdiskurs mit anrührend unspektakulärer, bisweilen geradezu apathischer Clownerie.

"Wir tun noch einmal das, was wir hier an diesem Ort seit Jahrzehnten tun", scheint das Ensemble zu sagen, "bevor wir werden, was wir in den Augen mancher vielleicht schon sind: Museumsstücke einer vergangenen Tradition."

Das Publikum jedenfalls bedankt sich mit hingerissenem Applaus.

"Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter"
Von Christoph Marthaler
Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Anna Viebrock
Dramaturgie: Malte Ubenauf, Stefanie Carp

Mehr zum Thema

Theaterintendant Matthias Lilienthal - "Man sollte immer eine Diskussion auf Augenhöhe führen"
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 06.09.2016)

Designierter Volksbühnen-Intendant Chris Dercon - "Wir sind das Sprech-Denk-Theater"
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 22.07.2016)

Matthias Lilienthal - "Der eigentliche Event-Schuppen ist das Berliner Ensemble"
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 16.04.2015)

Theater des Jahres - "Bühnen brauchen den Wechsel"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 25.08.2016)

Berliner Volksbühne - Rosi, Castorfs dritte Hand
(Deutschlandradio Kultur, Rang I, 30.07.2016)

Streit um Leitung der Berliner Volksbühne - "Protest is a brand" - Was hat Chris Dercon zu sagen?
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 15.07.2016)

Berliner Volksbühne - Revolte am Rosa-Luxemburg-Platz
(Deutschlandradio Kultur, Rang I, 25.06.2016)

Aus den Feuilletons - Badeanstalt Volksbühne
(Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 22.06.2016)

Streit an der Berliner Volksbühne - Angst um das alte Theatersystem
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 21.06.2016)

Volksbühne Berlin - Künstler protestieren gegen Intendantenwechsel
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 20.06.2016)

Kulturpresseschau

Aus den Feuilletons#MännerSindMüll
Frauenhand mit rot lackierten Fingernägeln halten der nackten Puppe Ken die Augen zu. (Imago)

Der Ton gegenüber Männern wird rauer. Zumindest im Netz. Das "Feindbild Mann" wird derzeit unter dem Hashtag #MenAreTrash durch den Wolf gedreht. Und auch die in der Öffentlichkeit urinierenden Herren sind Thema in den Feuilletons. Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 6Über Gräben
Die Schrift am Luckenwalder Stadttheater liegt im Schatten. (picture alliance / dpa / Sascha Steinach)

Wie halten sie's mit den Produktionsbedingungen? Im Juni-Podcast geht es um das Verhältnis von festen Häusern und Freier Szene. Außerdem Thema: eine strittige Inszenierung in Berlin und wie Theater sich gegen rechte Übergriffe wappnen können.Mehr

Folge 5Auf der Bühne und dahinter
Der Intendant des Schauspiels Köln, Stefan Bachmann, stellt am 21.05.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) den Spielplan für die kommende Saison vor.  (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)

Künstler oder Servicepersonal? Dulden oder Aufbegehren? Im Mai-Theaterpodcast geht es um die Rolle des Schauspielers im 21. Jahrhundert. Außerdem Thema: Die Proteste von Mitarbeitern der Bühnen in Cottbus und Köln.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur