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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.04.2011

Marquise mit vokalen Flügeln

Uraufführung von René Koerings Kleist-Vertonung "Die Marquise von O." in Monte Carlo

Von Jörn Florian Fuchs

Die Marquise von O.: Auszug aus der Inszenierung in Monte Carlo (S. Flament/Opéra de Monte Carlo)
Die Marquise von O.: Auszug aus der Inszenierung in Monte Carlo (S. Flament/Opéra de Monte Carlo)

Exklusivmeldung aus Monte Carlo: Die Monegassen haben Nachwuchs bekommen. Nein, nicht Prinz Albert und seine Schwimmerin haben es endlich geschafft – eine gewisse Marquise von O. wurde adoptiert, zumindest vom Opernpublikum in der pittoresken Salle Garnier, einer blitzblanken Miniversion der großen Schwester aus Paris.

Allerdings ist die Oper von Monte Carlo im Casino, also muss man erstmal an blinkenden Spielautomaten vorbei, bevor wunderbar weiche rote Samtsessel zum Hineinsinken einladen. Von seinem komfortablen Sitzgemach aus blickt man dann auf die sehr nahe Bühne und sieht meist schön dekorierte Inszenierungen von Opernklassikern. Gelegentlich schauen auch mal Domingo, Flórez oder Garanča auf ein Rezital vorbei. Doch an diesem Karfreitag kam es anders.

Zu begutachten war die Leidens- und Liebesgeschichte der Marquise von O. Die rettete einst ein Graf vor der Beinahe-Vergewaltigung, doch irgendwie landete er stracks mit ihr im Bett und schwängerte sie auch noch. Aus diesem 'irgendwie' schuf Heinrich von Kleist eine seiner schönsten Novellen.

Der Franzose René Koering machte daraus zwei knappe, ziemlich geniale Opernstunden. Die Marquise begegnet uns gleich doppelt. Sie sitzt unter einer Laube, mit Blick ins Tal sowie vorüberziehenden Videowolken, und singt in ihr Tagebuch. Dazwischen schieben sich schnell geschnittene Szenchen, edle Salons, der nicht ganz so edle Graf, Kriegsbilder, Familiendispute – alles rauscht in Daniel Benoins perfekter Inszenierung rasch vorbei und bleibt doch in Seele, Herz und Hirn haften.

René Koering beherrscht sein Metier, da hetzen Strawinsky-Synkopen durch die Bläser, kratzbürstige Streicher fordern Hörnervenstärke, Klänge wie von einem präparierten Cembalo kitzeln und witzeln. Immer wieder rumpelt und ächzt der riesig besetzte Schlagwerkapparat, Wassergongs, Bongos, das Vibraphon und andere Krachmacher sorgen für reichlich Tamtam. Aus dem Off warnt und mahnt ein Chor, erst dissonant verschmierend, dann mehr und mehr in Bach haften Chorälen aufgehend (passend zum Karfreitag).

Straff führt Lawrence Foster das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, trotzdem gibt es ein paar kleinere Torkeleien. Außerdem klingt in 'Petit Garnier' alles staubtrocken.

Sophie Marin-Degor verleiht der Marquise vokal Flügel und sieht dabei zum Anbeißen aus, ihr Graf (Trevor Scheunemann) kommt als adäquater Beau rüber und singt auch so. Kim Begley gibt den mürrischen Marquisen-Vater mit überzeugendem Grummeln, Graciela Araya darf als Marquisen-Mutter dem Töchterchen klangschön Trost spenden.

Das Ende lassen Koering und sein kluger Librettist Leo Hoffmann ganz kleistisch in der Schwebe. In zwei weit voneinander entfernten Logen singen Graf und Marquise ein Abschiedslied, erst allein, dann im Duett. Auf der nun fast leeren Bühne huscht ein Knäblein herum und wir, ja, wir verdrücken ein Tränchen.

Und auch des Kritikers Sitznachbar und seine am üppigen Juwelenschmuck ständig herum nestelnde Gattin sind gerührt und applaudieren mit offenbar typisch monegassischer Zustimmung: eine halblaut in den Saal gerufene Mischung aus "bravo" (frz.) und "bravi" (ital.). Vielleicht wäre "breve" diesen Herrschaften aber noch lieber gewesen.

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