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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 02.10.2007

Markschies: Hochschulen öffnen für Nicht-Abiturienten

Präsident der Humboldt-Uni will bisheriges Verfahren vereinfachen

Moderation: Liane von Billerbeck

Die Humboldt Universität in Berlin will sich Studierwilligen ohne Abitur öffnen. (AP)
Die Humboldt Universität in Berlin will sich Studierwilligen ohne Abitur öffnen. (AP)

Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, will Menschen ohne Abitur den Zugang zur Hochschule erleichtern. Es gebe bereits in vielen Bundesländern die Möglichkeit der Begabtenprüfung. Nur sei diese zu wenig bekannt und zurzeit das Verfahren zu kompliziert. Markschies will so erreichen, dass nicht nur Angehörige der Oberschicht studieren.

Von Billerbeck: Vor zwei Wochen gerade wieder hat ein OECD-Bericht die geringe Zahl von Akademikern in Deutschland bemängelt. Man sei hierzulande nicht in der Lage, die frei werdenden Arbeitsplätze für Ingenieure und Lehrer mit eigenem Nachwuchs zu besetzen. Um mehr Menschen für das Studium zu begeistern, kommt jetzt eine Idee aus Berlin. Christoph Markschies hatte sie, der Präsident der Humboldt-Universität. Er will nämlich die Hochschulen auch für Begabte ohne Abitur öffnen. Professor Markschies ist jetzt am Telefon. Guten Morgen!

Christoph Markschies: Schönen Guten Morgen!

Von Billerbeck: Sie haben derzeit 36.000 Studenten an der Humboldt-Uni. Reicht Ihnen das nicht?

Markschies: Um Gottes willen. Natürlich ist das über genug. Denn die müssen ja erst mal finanziert werden die Studienplätze. Aber Sie haben das schon angesprochen: Pisa, OECD - Immer, wenn eine Studie kommt und das schon seit Jahren, erfahren wir, dass wir zu wenig Studierende, das gilt jetzt für das Gesamtland, haben. Und dass wir vor allen Dingen nur Studierende aus Oberschichtfamilien haben. Also dass es ganze Bereiche gibt, die Deutschen sind ja nicht dümmer, in denen Menschen für das Studium geeignet wären. Aber aufgrund ihres Lebens und ihrer Bildungskarriere nicht zum Studium kommen.

Von Billerbeck: Das heißt, Sie sorgen jetzt quasi dafür, dass die viel zu frühe Aussortierung von Kindern damit ausgebügelt wird? Oder Sie machen auf jeden Fall den Versuch?

Markschies: Na, ja. Gelegentlich muss die Hochschule ausbügeln, was die Schule nicht hinkriegt. Wenn man auf der Schule nicht lesen lernt, müsste das an der Universität gemacht werden. Ja, das ist eine Notmaßnahme. Aber es hat ja wenig Sinn, wenn immer nach dem Erscheinen dieser Studien alle sagen: Oh Gott, das ist aber grausam. Und dann wartet man bis zur nächsten Studie und dann wird das wiederholt. Es muss ja etwas unternommen werden. Und das ist ein Vorschlag, für eine bestimmte Zeit etwas zu unternehmen.

Von Billerbeck: Wenn Sie nun Begabte ohne Abitur an die Unis holen wollen, wie müssen wir uns das konkret vorstellen? Wer prüft denn die Eignung und stellt sie fest? Und wie tut er das?

Markschies: Also erstens muss man sagen, in den allermeisten Bundesländern ist dies per Gesetz möglich. Da gibt es dann immer sogenannte Begabtenprüfungen in den Hochschulgesetzen. So ist es auch in Berlin. Aber diese Möglichkeit ist viel zu wenig bekannt. Und sie ist in der Regel zu kompliziert. In Berlin ist es so, dass das 250 Personen machen pro Semester. Also eine verschwindend geringe Zahl.

Ich stelle mir das so vor, wie es im Grunde auch im Hochschulgesetz geregelt ist: indem es nämlich Aufnahmeprüfungen gibt. Wir haben beispielsweise in unserer Chemie schon sehr gute Aufnahmeprüfungen, die Professoren und Studierende gemeinsam entwickelt haben. Dann wird aber unser Hochschulgesetz sehr kompliziert. Es sieht vor, dass es Probesemester gibt. Und dass man erst nach einer Zahl von Probesemestern zugelassen ist, vorher nur auf Widerruf. Und diese Schwierigkeiten müssen mindestens für eine gewisse Zeit ausgesetzt werden und man muss nach einem solchen Gespräch zugelassen sein. Es gibt ja genügend Prüfungen im Studium, bei denen sich herausstellt, ob man es kann oder nicht kann.

Von Billerbeck: Das heißt, das, was Sie eben von Ihrer Fachrichtung Chemie geschildert haben, da ist es also noch nicht möglich, das man ohne Abitur Chemie studiert an der Humboldt-Uni, wenn man besonders begabt ist?

Markschies: Doch. Also wie gesagt, es gibt, und zwar nicht nur in Berlin, einen Ausnahmeparagraphen, der das jeweils immer vorsieht. Also man kann in Deutschland, der Vorschlag ist nicht so revolutionär, wie er klingt. Man kann in Deutschland ohne Abitur studieren, wenn man begabt ist. Aber wie gesagt, es machen ganz, ganz wenige und wir bewerben das nicht offensiv.

Wenn wir eine rechtlich schon vorhandene Möglichkeit haben - Sie müssen nicht das Recht stürzen und alles auf einmal verändern - wenn man die propagiert, sagt, dass das möglich ist und zum zweiten den juristischen Weg entschlackt, dann können wir relativ schnell eine größere Menge gewinnen. Natürlich, um auf Ihre Frage von vorhin zurückzukommen, nicht einfach überall drauf, damit die Hochschulen unter noch mehr Studierenden stöhnen, sondern durch Gründung von neuen Universitäten oder eine andere Möglichkeit jetzt im Rahmen der Differenzierung des Hochschulsystems, im Rahmen des Exzellenzwettbewerbes einzelne Universitäten, die sich insbesondere auf die Ausbildung von Studierenden konzentrieren.

Von Billerbeck: Könnte das nicht aber auch bedeuten, wenn man jetzt sagt, wir nehmen auch Begabte ohne Abitur, dass das so durch die Hintertür die Aussage ist, das Abitur ist nichts mehr wert?

Markschies: Oh nein. Das glaube ich nicht. Sondern das ist wirklich nur die Konsequenz aus dem, was Sie schon angesprochen haben. Diese Studien, die unser Bildungssystem überprüfen, und die sagen, es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die niemals im Leben eine Chance haben, Abitur zu machen. Also Begabte, die kein Abitur machen, weil sie beispielsweise keine Eltern haben, die sie aufs Gymnasium bringen. Weil sie in Kinderheimen aufgewachsen sind, in schwierigen Familien. Und für die wollen wir eine Möglichkeit schaffen, dass sie doch noch, was ihnen mit dem Abitur entgangen ist, nämlich die Möglichkeit zu studieren, nachholen können.

Von Billerbeck: Wie erfahren Sie aber nun von solchen Begabten? Doch nicht, weil die irgendwo an Chemiebaukästen basteln?

Markschies: Nein. Also von denen erfährt man, indem man in bestimmten, beispielsweise Berufsfachschulen, Berufsfachoberschulen für das Studium wirbt. Ich habe gestern mit der Sekretärin einer Berufsfach-, Berufsfachoberschule gesprochen. Und die sagte, ich werde immer wieder gefragt, kann ich denn mal später mit meinem Abschluss studieren? Ich wusste das bisher nicht. Also das sind die Punkte, an die man informieren muss. Und sagen muss, es gibt diese Möglichkeit. Dafür muss offensiv geworben werden. In Berlin steht eine Novelle des Hochschulgesetzes an. Und da muss das Verfahren ein bisschen entschlackt werden.

Von Billerbeck: Fürchten Sie denn auch die Frage von Abiturienten, sage ich mal, die dann vielleicht sagen könnten, wie kann denn jemand begabt sein, der es nicht einmal bis zum Abi geschafft hat? Oder verweisen Sie dann wieder auf die übliche doch Herkunft aus begüterten oder gebildeten Familien, die eben die meisten Abiturienten und Studenten stellen.

Markschies: Ich hatte das große Glück, dass meine Eltern mich für ein Gymnasium angemeldet haben und dafür gesorgt haben, dass ich zuhause Bücher gelesen habe und nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher verbracht habe. Und ich denke, alle Menschen, die ein Abitur geschafft haben, sollten, gerade weil sie dafür dankbar sind, sich nicht über Menschen erheben, denen das aus biographischen Gründen nicht möglich war. Also ich würde allen diesen Menschen sagen, wir tragen alle miteinander Verantwortung dafür, dass in Deutschland genügend Menschen ausgebildet werden, wir Nachwuchs in technischen und pädagogischen Berufen haben. Und der Teil der Verantwortung der Abiturienten ist, nicht die Nase allzu hoch zu halten.

Von Billerbeck: Gab es denn schon Reaktionen von Ihren Uni-Kollegen oder auch von außerhalb auf den Vorschlag? Oder haben die das mit großer Gelassenheit hingenommen?

Markschies: Es gab ganz lustige Reaktionen. Als ich im Fernsehen darüber sprach, kam, als ich den Studioraum verließ, jemand aus dem Tonstudio und sagte, "dit find ick richtig. Dit hätte imma schon mal jesagt werden müssen." Und die allermeisten Universitätskollegen, wir haben an der Humboldt-Universität eine sehr gute Bildungsforschung, die seit Jahren immer wieder gesagt hat, dieses Land wird nicht mehr konkurrenzfähig sein, wenn es nur so wenige ausbildet. Und das geht ja inzwischen von rechts nach links, von konservativen bis zu früher linken Bildungspolitikern. Also wenn sie das sagen, sagen sie nichts besonderes. Und deshalb müssen jetzt mal Vorschläge her, wie man das Problem lösen kann. Also die Stimmung ist nicht kritisch. Sondern die meisten sagen, ja, dann müsste man mal sehen, wir das konkret umsetzen.

Von Billerbeck: Sie haben also den ersten Vorschlag gemacht, nämlich Begabte auch ohne Abitur an die Universitäten und Hochschulen zu lassen. Das war Christoph Markschies, der Präsident der Humboldt-Universität Berlin. Ich danke Ihnen!

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