Seit 08:20 Uhr Neue Krimis
Freitag, 04.12.2020
 
Seit 08:20 Uhr Neue Krimis

Reportage / Archiv | Beitrag vom 18.01.2014

MarketingSuperpenner, rette mich!

Eine Obdachlosenzeitung kämpft um Aufmerksamkeit

Von Johannes Kulms

Ein Obdachloser verkauft die Obdachlosenzeitung "Strassenfeger" in der Berliner Friedrichstraße (dpa picture-alliance/ Kay Nietfeld)
Verkäufer von Straßenzeitungen haben mit der "Superpenner"-Beilage ein neues Verkaufsargument (dpa picture-alliance/ Kay Nietfeld)

Die "Straßenfeger"-Verkäufer in Berlin haben es nicht leicht. Die Konkurrenz ist groß und die Passanten kaufen oft nichts. Mit einem Comic als Beilage – entworfen von einer Werbeagentur – wollen sie die Einnahmen steigern.

Verkäufer: "Na, Du!"

Cladders: "Ach, Du bist es."

Verkäufer: "Ja, ich wieder. Ich hab' das ja mit den neuen Zeitungen für `n Gerücht gehalten, nä? Also, die Leute sagen, das läuft alles besser mit den neuen Zeitungen!

Der "Superpenner" ist gefragt. Kein Wunder: Der Mann im Superman-Kostüm besitzt übermenschliche Kräfte. Der allerjüngste Retter ist er allerdings nicht mehr: Sein Bart ist grau, unter der Mütze schauen lange Haare hervor. In der rechten Hand hält der "Superpenner" eine Bierflasche.

Cladders: "Ja, willst du die jetzt haben?"

Verkäufer: "Ja, natürlich will ich die neue Zeitung haben!"

Tausende Exemplare liegen in einem kleinen Wohnwagen vor dem Bahnhof Zoo bereit - direkt vor der Bahnhofsmission. "Superpenner" - so lautet der Titel der Comicbeilage des Berliner Magazins "Straßenfeger".

Cladders:"Also, wir haben schon heute, im Vergleich zu anderen Tagen, an denen der Straßenfeger startet, ich schätze jetzt mal so ganz grob so ein Plus von 20 Prozent, circa."

Helmut Cladders ist 60 Jahre alt und engagiert sich ehrenamtlich beim Straßenfeger. Heute organisiert er die Zeitschriftenausgabe in dem kleinen Wohnwagen - und hat gut zu tun. Fast im Minutentakt klopfen die Verkäufer mit und ohne Obdach an der Wagentür an, um sich mit Ausgaben für den Weiterverkauf einzudecken. 60 Cent pro Exemplar zahlen die Verkäufer im Wohnwagen.

Ein Dutzend Hefte in drei Stunden

Für 1,50 Euro verkaufen sie anschließend die Zeitschrift vor Berliner Supermärkten, in der U-Bahn oder in den Kneipen.

Carsten: "Schönen guten Tag, die Herren, verzeihen Sie, dass ich Ihre Unterhaltung störe. Sind Sie denn bitte so gut und nehme mir eines meiner Obdachlosenmagazine ab? Heute sogar mit Comic!"

Verteilstation des Straßenfeger am Bahnhof Zoo (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)Verteilstation des Straßenfeger am Bahnhof Zoo: Hilfe zur Selbsthilfe (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)Seit fast acht Jahren verkauft Carsten den "Straßenfeger". Auch heute ist der 43-Jährige am Berliner Hauptbahnhof unterwegs. Ruhig wandert der großgewachsene und kräftige Mann vor dem Nordeingang auf und ab und spricht immer wieder höflich einzelne Reisende oder kleine Grüppchen an. Ein Dutzend Straßenfeger-Ausgaben hat er in den letzten drei Stunden verkauft - rund 50 Prozent mehr als sonst, sagt Carsten. Das liegt am Comic, glaubt er. Mit dem provokanten Titel hat er kein Problem:

"Völlig in Ordnung, also weder diskriminierend noch fühle ich mich da in irgendeiner Form von gekränkt oder ähnlich. Wie die Moslems sich da über ihre Karikatur aufgeregt haben, also, dieses Gefühl, das habe ich nicht, nein."

Der Held des Comics ist ein Berliner Obdachloser, der durch eine Art Zaubertrank des Bundesnachrichtendienstes zufällig übermenschliche Kräfte bekommt - und von nun an auf den Straßen Berlins als Superpenner alte Menschen oder kleine Kinder rettet. Initiiert und entwickelt wurde der Comic von der Werbeagentur Scholz & Friends. Ohne Extrakosten für die Redaktion. Verkäufer Carsten freut sich über solche Projekte und hofft darauf, dass sich auch andere Firmen engagieren.

"Ist doch `ne gute Idee, bringt Geld in die leeren Kassen des Straßenfegers. Der Straßenfeger hat jetzt gerade sein Haus verloren, muss umziehen, da kommen unheimliche Kosten auf den Straßenfeger zu."

Alle Mittel sind recht, um Aufmerksamkeit zu erregen

Vor einem Aschenbecher steht Roman Kluger, in wenigen Minuten geht sein Zug nach Freiburg. Als Carsten auf ihn zukommt, greift der Reisende zu. Ich mache das aus Solidarität mit den Verkäufern, sagt Kluger. Heute reizt auch ihn der provokante Titel der Beilage:

"Der Superpenner (lacht) ... Es ist mal was anderes, ich begrüße das, das macht es doch etwas interessanter. Weil gerade wenn man von außerhalb kommt, Berlin-interne Sachen interessieren einen jetzt ja vielleicht nicht unbedingt. Und so ist es dann ja doch ansprechender für den Kauf. Ich war ein bisschen schockiert, aber ich denke, die meisten werden das mit Humor nehmen."

Alle Mittel sind recht, um Aufmerksamkeit zu erregen, findet Carsten - Provokation eingeschlossen. Doch wenn sich Prominente für Obdachlose engagieren hat das für den 43-Jährigen auch gewisse Grenzen. Wenn Politiker zum Beispiel kurz vor Wahlen eine Bahnhofsmission besuchen, aber danach jahrelang nicht wieder auftauchen. Oder eine Nachrichtensprecherin, die eine Nacht auf der Straße verbringt, um sich in die Situation von Obdachlosen hineinzuversetzen.

Carsten: "Selbst wenn Sie das jetzt für vier Wochen machen, Sie wissen, nach den vier Wochen ist Schluss und ich kann jederzeit abbrechen. Wenn man keine Wohnung hat, dann kann man nicht abbrechen. Insofern glaube ich, dass solche Aktionen eher PR-Sachen sind, als dass sie einen wirklichen Nutzen haben für irgendjemanden."

Vor wenigen Wochen hat der Opernsänger Rolando Villazón dem Straßenfeger ein Interview gegeben. Und angekündigt, bei seinem nächsten Berlin-Besuch das Obdachlosenmagazin in der U-Bahn zu verkaufen und dabei zu singen. Mit solchen Aktionen will die Redaktion des Straßenfegers einmal im Jahr Aufmerksamkeit erregen. Allerdings weniger für einen Opernstar oder einen Superpenner-Comic. Sondern für Frauen und Männer wie Carsten, die am Rande der Gesellschaft leben.

Mehr zum Thema:

15.01.2010 | Thema
Obdachlosenzeitung will "Hilfe zur Selbsthilfe" bieten
Chefredakteur des Berliner "Straßenfegers": Verkäuferschulungen würden nicht funktionieren

06.01.2006 | Länderreport
Hottes Welt
Eine Kreuzberger Geschichte

Reportage

HochschulenStudieren in der Sardinenbüchse
Deutschlands Universitäten sind ausgelastet, darunter leidet die Lehre.  (picture-alliance / dpa / Thomas Frey)

Die Hörsäle überfüllt, die Dozenten überlastet: Viele Universitäten platzen aus allen Nähten. Darunter leidet die Qualität der Lehre. Doch es geht nicht nur um die Ausbildung der Studenten: Auch die Dozenten erwischt es. Mehr

ProtestBauern gegen Weltkonzern
Bloß nicht aufgeben: Die Bewohner der Gemeinde Zurawlow protestieren gegen Probebohrungen nach Gas.  (Foto: v. Aster)

Schon die Voruntersuchungen hatten beunruhigende Konsequenzen: Der Energiekonzern Chevron plant in einer ländlichen Gegend in Polen Probebohrungen nach Gas. Die Anwohner protestieren heftig. Mehr

FachkräftemangelOffene Türen
In einem Krankenhaus laufen Mitarbeiter über den Flur.  (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)

Der Fachkräftemangel in der Medizin ist gravierend - gerade in den Provinzen. Krankenhäuser rekrutieren aus dem Ausland: Im Klinikum Hoyerswerda hat fast jeder zweite Arzt keinen deutschen Pass. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur