Seit 06:30 Uhr Nachrichten
Samstag, 05.12.2020
 
Seit 06:30 Uhr Nachrichten

Konzert / Archiv | Beitrag vom 24.03.2016

Mark Padmore singt die WinterreiseFremd bin ich eingezogen

Aufzeichnung aus Stuttgart

Der Tenor Mark Padmore (Marco Borggreve/Agentur MRM)
Der Tenor Mark Padmore (Marco Borggreve/Agentur MRM)

So groß das Repertoire auch ist: Kein Lied-Komponist hat Franz Schuberts "Winterreise" je in den Schatten gestellt. Das Duo Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout musizierte den Zyklus aller Zyklen in der Stuttgarter Hugo-Wolf-Akademie.

Das behagliche Bild des Biedermeier-Komponisten, des Weinliebhabers, des "Schwammerls" hat lange verdeckt, in welche Seelen-Abgründe Franz Schubert hineinzuhören vermochte. Der Liedzyklus "Die Winterreise", 1827 komponiert, erhebt sich weit über Zeit und Raum seiner Entstehung: Er ist ein Menschheitsdokument schlechthin, ausgehend von den genialen Eröffnungsversen des vielgescholtenen Wilhelm Müller, in denen mit wenigen Worten alles gesagt wird: "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus".

Viele Menschen verbinden Schuberts "Winterreise" mit dem Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Liederabend als Konzertform etablierte. Seine Aufnahme des Zyklus mit Gerald Moore am Klavier ist als Meilenstein der Schallplattengeschichte mit dem Ruf vergleichbar, den Einspielungen von Maria Callas oder Glenn Gould genießen. Allerdings sang Fischer-Dieskau – was legitim ist – stets eine transponierte Version des Zyklus, der eigentlich für einen Tenor komponiert wurde. Und selbstverständlich hatte Schubert seinerzeit keinen Steinway wie Gerald Moore, sondern ein Hammerklavier zur Verfügung.

Seit gut zwei Jahrzehnten sind Schuberts Lieder ein Gegenstand für die Erforschung der historischen Aufführungspraxis. Mit dem britischen Tenor Mark Padmore und dem südafrikanischen Hammerklavier-Spezialisten Kristian Bezuidenhout haben sich in der Stuttgarter Hugo-Wolf-Akademie zwei ausgewiesene Alte-Musik-Interpreten diesem Zyklus gestellt. Dabei geht es nicht darum, musikalische Leistungen der Vergangenheit zu übertreffen oder anzuzweifeln, sondern um die Frage, was wir heute von den Klangmitteln, die Schubert zur Verfügung standen, für die Aufführung und für das Verständnis der "Winterreise" lernen können.

Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
Aufzeichnung vom 24. September 2015

Franz Schubert
"Winterreise" - Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller D 911

Mark Padmore, Tenor
Kristian Bezuidenhout, Hammerflügel

 

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur