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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.07.2018

Mark Mazower: "Was du nicht erzählt hast"Behutsame Annäherung an den Begriff "Heimat"

Von Carsten Hueck

Buchcover: "Was du nicht erzählt hast. Meine Familie im 20. Jahrhundert". (Suhrkamp/Imago Stock&People/Dariusz Bednarek; )
Mark Mazower, "„Was du nicht erzählt hast. Meine Familie im 20. Jahrhundert“. (Suhrkamp/Imago Stock&People/Dariusz Bednarek; )

Mark Mazower erfuhr erst spät von der Geschichte seiner Familie: Sie nahm in der jüdischen Lebenswelt des weißrussischen Grodno ihren Anfang und führte über Sibirien ins vornehme Highgate. Akribisch rekonstruiert Mazower ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht.

Highgate ist eines der teuersten Wohnviertel Londons. Es liegt im Grünen auf einer Anhöhe und gibt von Norden her den Blick frei auf die britische Hauptstadt. In Highgate geboren ist der an der New Yorker Columbia Universität lehrende Historiker Mark Mazower. 2009 führte ihn ein Forschungsstipendium zurück nach London.

Es war das Jahr, in dem sein Vater starb. Der Sohn besuchte ihn damals regelmäßig und befragte ihn zur Familiengeschichte. Der Vater, William Mazower, hatte, abgesehen von der Zeit des Militärdienstes in Deutschland und des Studiums in Oxford, die Gegend von Highgate so gut wie nie verlassen. Und auch schon sein Vater, Max Mazower, hatte dort gut dreißig Jahre gelebt.

"A Russian past and a journey home" lautet der englische Untertitel des Buches "Was du nicht erzählt hast", in dem Mark Mazower seiner Herkunft nachspürt und Erstaunliches zu Tage bringt.

Der Großvater baute eine Mittelschichtexistenz auf

Großvater Mazower, geboren 1874 in Grodno, in der Nähe von Wilna, sprach nie viel über sein Leben und die Vergangenheit. Wie auch später sein Sohn William baute er sich in England pragmatisch eine Mittelschichtexistenz auf und sorgte für das Wohlergehen seiner Kinder. Dabei war er im vorrevolutionären Russland ein prominenter Führer des "Bunds", wurde von der Geheimpolizei überwacht und später nach Sibirien verbannt.

Mark Mazower rekonstruiert ein Beziehungsgeflecht, das seine Familie in Verbindung setzt zu den Utopien und Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts: zur zaristischen Despotie, zum revolutionärem Engagement, stalinistischen Säuberungen, Verbannung, Exil und Völkermord, zu Intellektuellen und Revolutionären wie Emma Goldman, Walter Benjamin, Eva Broido, Sholem Asch. Von Sibirien über Moskau und Wilna, Paris und Madrid erstreckt sich dieses Netz und der Autor knüpft es mit anmutiger Akribie und Respekt vor dem Einzelnen.

Ungeordnete Puzzlestückchen finden zusammen

Er stützt sich auf Tagebücher und Kalender seines Vaters, Familienfotos, Briefe, Gesprächsaufzeichnungen und Dokumente aus zahlreichen Archiven. Vereinzelte Episoden, lose Enden und ungeordnete Puzzlestückchen fügt er zu einem zeitgeschichtlichen Panorama zusammen. Alles spricht bei ihm, Menschen, aber auch Gegenstände und Orte. Mazower ist ein präziser Historiker und begabter Erzähler, nur allzu gerne folgt man seinen lebendigen und erhellenden Ausführungen.  

Die Suche nach Zufriedenheit in der Fremde

Die Geschichte der Mazowers wurzelt in der jüdischen Lebenswelt im Ansiedlungsrayon des russischen Zarenreiches und erstreckt sich ins noble Highgate von heute. Die Rekonstruktion der Zeitläufe und Zeitbrüche, die sich auf Lebensverhältnisse von vier Generationen auswirkten, ist auch eine behutsame Annäherung an den Begriff "Heimat". Mazower berichtet vom Streben nach Zufriedenheit in der Fremde, von Widerstandkraft und Individualität, von beständigen familiären Werten auch angesichts politischer Erdbeben und gesellschaftlicher Umwälzungen. Darin, legt er überzeugend dar, sei Heimat zu finden, und nicht bloß in der Geographie.

Mark Mazower: "Was du nicht erzählt hast. Meine Familie im 20. Jahrhundert"
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018
364 Seiten, 26 Euro

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