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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.12.2017

Marjo T. Nurminen: "Die Welt in Karten"Eine aufregende Weltreise

Von Heike Tauch

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(imago / Theiss)
Marjo T. Nurminen: "Die Welt in Karten" (imago / Theiss)

Die Dokumentation "Die Welt in Karten" über die Vermessung der Welt erzählt mehr, als rein Geografisches. In den Weltbildern gibt Marjo T. Nurminen auch Auskunft über Wissenschaft, Kunst und Politik - sie sind mit Leidenschaft zusammengestellt.

"Die Welt in Karten" – ist ein sehr großes und enorm schweres Buch. Fast ein Foliant. In Zeiten wie unseren, in denen Lexika antiquarisch aufgekauft werden, um mit den herausgetrennten Seiten die Wohnung zu tapezieren, in Zeiten von Apps, Tablets und GPS-Geräten erscheint das dermaßen anachronistisch, dass man sich fragt, was die finnische Archäologin und Wissenschaftsjournalistin Marjo T. Nurminen zu dieser Form bewogen hat.

Hält man dieses Kunstwerk in den Händen – und, man braucht beide Hände, wünschte man sich eine große, eigene Hausbibliothek, maßgefertigt und mit Lesesessel, Bücherständer und Stehpult versehen. Denn: Man will als Leser und Betrachter dieses Buches die Beschränkungen von Raum und Zeit vergessen, um diesem wundervollen Folianten gerecht zu werden.

Eine aufregende Weltreise

"Die Welt in Karten. Meisterwerke der Kartographie", wie der deutsche Titel leider nicht nahelegt, tritt einen Streifzug durch die kartographischen Bemühungen früherer Jahrhunderte an. Das Buch zeichnet sich durch einen wissenschaftlich soliden, dennoch gut verständlichen Text aus. Das Besondere aber sind die vielen großartigen Farbabbildungen in hervorragender Druckqualität. Mit ihnen begibt man sich auf eine aufregende Weltreise: in die Bibliotheca Laurenziana, Florenz, in die Bodeleian Library der University of Oxford, zum Muslim Heritage Consulting, Dubai, in das Diözesanmuseum Calatayud, in die Bayerischen Staatsbibliothek, die Markusbibliothek Venedig, zur National Gallery, London, zur Biblioteque Nationale de France – um nur einige wenige zu nennen.

Ganz offensichtlich spielte Geld bei der Herstellung des Buches keine Rolle. Herausgeber ist die angesehene traditionsreiche finnische John Nurminen Stiftung. Sie setzt sich nicht nur für den Erhalt des kulturellen Erbes der finnischen Seefahrts- und Schifffahrtsgeschichte ein; mit ambitionierten Projekten engagiert sie sich auch für die Säuberung des weltweit am stärksten verschmutzten Gewässers – der Ostsee.

Prozesse verständlich machen

"Die Welt in Karten" erschien 2015. Der finnische Originaltitel würde übersetzt lauten: "Die Welt auf die Karte gezeichnet. 1.000 Jahre Kulturgeschichte Weltkarte", und bringt besser auf den Punkt, worum es eigentlich geht. Das Buch will den Prozess verständlich machen, wie Europäer in den 1.000 Jahren - zwischen dem 7. Und dem 17. Jahrhundert - versuchten, die Welt in den Blick zu bekommen; ja, sie zu verstehen.

Weltkarten dienten und dienen dazu, sich zu orientieren. Sich orienttieren hieß: sich dem Orient zuwenden, Jerusalem, dem Heiligen Land, der Wiege auch des Christentums.

Die christliche Weltkarte des Mittelalters - die sogenannte "mappa mundi" - orientierte sich also gen Osten. Diese Himmelsrichtung war die wichtigste und wurde auf der Karte oben dargestellt, der Süden folglich rechts, der Westen unten, der Norden links. Jerusalem war auf solchen typischerweise kreisrunden Karten zentral und überdimensional groß eingezeichnet. Monströse Geschöpfe bevölkerten die Ränder.

Schöpfungsgeschichte und priesterliche Erfahrungen

Bei den christlichen mappae mundi ging es nicht um die möglichst präzise Wiedergabe von geografischen Verhältnissen; mappae mundi sollten vielmehr Auskunft geben über Wissenschaft, Kunst und Politik. Sie thematisierten die Schöpfungsgeschichte und gaben priesterlichen Erfahrungen wieder.

Deshalb entstand zugleich ein anderer Typ Weltkarte - sogenannte "Portolane", abgeleitet von lateinisch porta - Tür, Zugang. Ihre Kartenzeichner waren Seeleute, Kaufmänner, und die Karten orientierten sich an den ihnen bekannten Häfen. Im Gegensatz zu den mappae mundi basierten Portolane nicht auf der Bibel, sondern auf maritimen Erfahrungen. Es ging um messbare Daten. Portolane waren seemännisches Handwerkszeug. Sie waren zur Navigation gedacht.

Zur gleichen Zeit entstand aber mindestens noch ein weiteres Konzept, wie man die Welt betrachten könnte: Der arabische Gelehrte und Kartenzeichner Al-Idrisi wurde an den Hof des Normannenkönigs Roger II. von Sizilien gerufen. Al-Idrisi hatte die antiken Philosophen studiert, die von den Christen jahrhundertelang ignoriert worden waren. Sein Vorbild war Ptolemäus. Unter dem schönen Titel "Reise der Sehnsüchtigen, um Horizonte zu durchqueren" veröffentlichte er einen Atlas:

Auf der ersten Weltkarte in diesem Atlas ist eine kreisrunde Welt abgebildet, in deren Mitte nicht Jerusalem, sondern die Arabische Halbinsel und Mekka liegen; und oben auf der Karte befindet sich nicht der Osten, sondern der Süden als wichtigste Himmelsrichtung. Al-Idrisi malte die Welt in den warmen Farben Gelb, Orange und Braun; den äußersten Kreis hielt er in Aquamarin. Auch in seiner Vorstellung war die Welt vollständig umgeben und begrenzt vom Meer.

Leidenschaft und Sorgfalt

Al-Idrisi gilt als Erneuerer der Kartografie. Er schuf den bislang ersten bekannten systematischen Atlas. Darin haben alle Karten denselben Maßstab und ergeben zusammen ein als großes Ganzes geschlossenes Kartenbild – eine Methode, die bis heute Standard geblieben ist. Das vorliegende Werk bietet dem Leser die Gelegenheit, Al-Idrisis zusammensetzbare Karte zu bestaunen.

"Die Welt in Karten" - von Marjo Nurminen leidenschaftlich wie sorgfältig zusammengestellt – erhielt 2016 den Fordham Award der Royal Geographical Society. Das Buch weist weit über die einzelnen Weltkarten hinaus, es verbindet überzeugend kartografisches, kunsthistorischem und technisches Wissen.

Lässt man sich auf den tausendjährigen Entstehungsprozess ein, beginnt man irgendwann auch, das eigene "Weltbild" auf seine Gültigkeit hin abzuklopfen. Der Foliant führt uns buchstäblich vor Augen, wie der Blick auf die Welt nicht nur dem Wissensstand der jeweiligen Zeit geschuldet, sondern auch dem religiösen Glauben verpflichtet war und gleichzeitig abhing von Fragen gesellschaftlichen Zeitgeists und der politischen Ambition. Wir sehen, wie die Welt zwischen dem 7. und dem 17. Jahrhundert immer wieder mal auf dem Kopf stand - sowohl in den Darstellungen wie im übertragenen Sinn. Dabei drängt sich die Frage auf: Wie werden in tausend Jahren die Menschen auf unsere heutigen Gewissheiten blicken?

Marjo T. Nurminen: "Die Welt in Karten. Meisterwerke der Kartographie"
Aus dem Englischen von Gina Beitscher und Grit Seide 
Theiss Verlag 
352 Seiten, 79,95 Euro; ab 01.02.2018: 99,95 Euro 

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