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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.10.2016

Mario Vargas Llosa: "Die Enthüllung"Sex und Politik

Von Dirk Fuhrig

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Perus Ex-Präsident Alberto Fujimori  (picture-alliance / dpa/ Paolo Aguilar)
Perus Ex-Präsident Alberto Fujimori (picture-alliance / dpa/ Paolo Aguilar)

Geheimne sexuelle Wünsche bringt der Großmeister der lateinamerikanischen Literatur, Mario Vargas Llosa, in "Die Enthüllung" zutage. Gleichzeitig rechnet er mit Alberto Fujimori ab, dem Llosa selbst 1999 im Kampf um das Amt des peruanischen Staatspräsidenten unterlag. Spannend wie ein Krimi, allerdings ohne neue, überraschende Details.

Mario Vargas Llosa bringt in seinem neuen Roman noch einmal Politik und Sex zusammen, die beiden Pole, um die sich das Schaffen des 2010 mit dem Literaturnobelpreis geehrten peruanischen Schriftstellers seit Jahrzehnten rankt.

Zwei Paare aus der besten Gesellschaft von Lima entdecken die Freuden außerehelicher Vergnügungen, erotische Eskapaden zu dritt und schließlich gar zu viert. Zunächst beginnen die beiden Frauen eine Affäre, dann schließt sich erst der eine, dann der andere Mann den Lustbarkeiten an.  

Die "Enthüllung" der geheimen sexuellen Wünsche, die Befreiung aus konventionellen Zwängen ist die eine, die heitere (und etwas läppische) Seite des Romans. Innerhalb dieser Rahmenhandlung entspinnt sich jedoch ein dunkler Politthriller: Mord, Manipulation (von Presse und Justiz), totalitäre Macht des Geheimdiensts und dunkle Mächte, die vor Folter und Erpressung nicht zurückschrecken.

Zahlreiche Menschenrechtsverletzungen unter Fujimori

Diese andere "Enthüllung" bezieht sich auf reale Vorgänge und Strukturen in der Endphase der autokratischen Regierung von Alberto Fujimori, der 1990 erstmals zum Staatspräsidenten gewählt wurde. Sein unterlegener Gegner in der Stichwahl damals: Mario Vargas Llosa. Fujimori blieb bis 2001 an der Macht. Seine Regierungszeit war durch zahlreiche Menschenrechtsverletzungen geprägt und wurde gestützt durch einen mächtigen Geheimdienst, dessen Chef Vladimiro Montesions im Roman als finsterer "Doktor" auftritt.

Der Roman ist auch eine Abrechnung mit dem Boulevardjournalismus. Seriöse Zeitungen, so die Analyse des Nobelpreisträgers, können sich kaum mehr Gehör verschaffen, die Sensationspresse hingegen manipuliert die Meinung der Bevölkerung. Hier nun zeigt er auf, wie der Geheimdienst-Chef im Dienst der Regierung Journalisten kauft und ihnen Direktiven erteilt, auf welche Weise und mit welchen Themen sie die öffentliche Meinung steuern sollen.

Kraftvoll, aber inhaltlich öberflachlich

Mario Vargas Llosa, der mehr als zwei Dutzend Romane und Erzählungen geschrieben hat, ist in diesem neuen Buch sprachlich auf der Höhe seiner Kunst. Der vor wenigen Monaten 80 Jahre alt gewordene Großmeister der lateinamerikanischen Literatur versucht sich sogar an innovativen Schreibformen: Indem er in einem Kapitel mehrere räumlich getrennte Handlungsstränge durch einen Parallel-Dialog engführt und dadurch beschleunigt. "Die Enthüllung" ist insgesamt kraftvoll geschrieben und lässt sich dadurch zügig und spannend lesen – wie ein Kriminalroman.

Besonders tief steigt Vargas Llosa allerdings nicht in die Strukturen des Repressions-Systems seines Gegners Fujimori ein. Die Mechanismen der Manipulation von Presse und öffentlicher Meinung werden nur oberflächlich skizziert. "Die Enthüllung" kommt zwar als Schlüsselroman daher, bringt jedoch kaum neue, überraschende Details über das Regime Fujimori zu Tage.

Auch die Umrahmung mit der Eloge auf die freie Liebe wirkt etwas gewollt und artifiziell. "Die Enthüllung" ist also kein atemberaubendes Meister- , aber immerhin ein solides Alterswerk.

Mario Vargas Llosa: Die Enthüllung
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Suhrkamp, Berlin 2016 (Erscheinungstag: 10.10.2016)
301 Seiten, 24,90 Euro

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