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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.10.2017

Marina Zwetajewa: "Unsere Zeit ist die Kürze"Aufzeichnungen einer Außenseiterin

Von Olga Hochweis

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Cover Marina Zwetajewa: Unsere Zeit ist die Kürze (Suhrkamp / dpa)
Ungeschützt und offen präsentiert sich Marina Zwetajeva in ihren Schreibheften. (Suhrkamp / dpa)

Gedichte, Träume oder Alltagsbeschreibungen - die bislang unveröffentlichten Schreibhefte von Mariana Zvetajewa geben Einblick in das Leben einer der bedeutendsten russischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts: Sie zeigen eine Frau, die unter ihrer Einsamkeit litt.

17 Jahre hatte Mariana Zvetajewa im Ausland gelebt, als sie 1939 unter dramatischen Umständen in die Sowjetunion zurückkehrte. Als Tochter aus großbürgerlichem Hause (die Mutter war Pianistin, der Vater Direktor des heutigen Puschkin-Museums) und Gegnerin der Bolschewiken hatte sie Russland in den Wirren des Bürgerkriegs verlassen müssen. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Situation auch in Westeuropa zunehmend feindselig. Zwetajewa blieb keine andere Wahl, als ihrer erwachsenen Tochter Ariadna und ihrem Mann Sergej Efron zu folgen, der als ehemaliger Soldat der "Weißen" mittlerweile mit den Sowjets sympathisierte. Beide wurden später unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet, Efron erschossen. Marina Zwetajewas Schwester war bereits 1933 und nochmal 1937 verhaftet worden und verbrachte , wie Zwetajewas Tochter, viele Jahre im Gulag.

Vor der Abreise in die Sowjetunion 1939 hinterließ Zwetajewa aus Angst vor der Beschlagnahmung ihres in der Emigration entstandenen Werks zahlreiche Manuskripte in Frankreich und der Schweiz. Aus ihren privaten Schriften aber begann sie schon Anfang der 1930er -Jahre ein Kondensat auszuwählen, das sie in spezielle Schreibhefte übertrug und in ihre Heimat mitnahm. Mit diesen – in der russischen Begrifflichkeit - "zusammenführenden Heften" komponierte sie eine Art Nachlass zu Lebzeiten, der sich wie ein literarisches Testament liest. 1941 nahm sich Marina Zvetajewa, 49-jährig, das Leben.

Unheilvolle Jahre

In den ersten beiden Schreibheften aus dem Jahr 1932/33 und den letzten beiden aus dem Jahr 1938 gibt es keine zeitliche Chronologie. Auch gattungstechnisch geht es in den Schreibheften durcheinander – spontane Notizen stehen neben wiedergegebenen Dialogen mit den Kindern, Briefe und Briefentwürfe wechseln sich mit Beschreibungen von Alltag, Begegnungen und Anfeindungen ab. Es gibt Traumprotokolle, Gedichte und nachträglich verfasste Kommentare aus der Zeit der Zusammenstellung. Kaum eine der Miniaturen überschreitet die Länge von mehreren Zeilen, maximal ein bis zwei Seiten, doch gerade in der Kürze und auch in den überwiegend prosahaften Textarten sind Charakteristika der (neben Anna Achmatova) bedeutendsten russischen Dichterin des 20. Jahrhunderts jederzeit ablesbar: Leidenschaft, geistige Autonomie, sprachliche Energie und aphoristische Bekenntnishaftigkeit gepaart mit einer bisweilen klageliedhaften Tragik.

Deutlich werden in den Aufzeichnungen die innere und äußere Einsamkeit der Dichterin, die stets Außenseiterin blieb, die Männer wie Frauen liebte, die in Tschechien und Frankreich in prekären Verhältnissen lebte und ihre Dichter- und Brieffreunde Rilke und Pasternak aus der Ferne wie gottgleiche Wesen verehrte. Das Wesen des Dichtertums wird immer wieder als etwas Überirdisches thematisiert: Der Dichter ist vor allem Medium des großen Materials Sprache. Dennoch sind Leben und Literatur existenziell miteinander verbunden. Ungeschützt und offen präsentiert sich Marina Zwetajeva in ihren Schreibheften. Man kommt ihr darin so nah wie vielleicht nur in ihren autobiografischen Essays, die ebenfalls Anfang der 1930er-Jahre im französischen Exil entstanden. Vielleicht hat sie die Nähe zu ihren Lesern bewusst in diesen unheilvollen Jahren gesucht - als Vorbereitung zur Rückkehr in ein Land, das ihr fremd und unverständlich geworden war.

Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze – Unveröffentlichte Schreibhefte
Herausgegeben und aus dem Russischen und Französischen übersetzt von Felix Philipp Ingold (Band 1 einer vierbändigen Werkausgabe)
Suhrkamp, Berlin 2017
320 Seiten, 28 Euro

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