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Lesart | Beitrag vom 06.06.2020

Marie-France Hirigoyen: "Die toxische Macht der Narzissten"Das grandiose Gefühl, auf andere herabzublicken

Von Pieke Biermann

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Buchcover "Die toxische Macht der Narzissten und wie wir uns dagegen wehren" auf orangefarbenem Hintergrund. (Deutschlandradio/ C.H.Beck)
Ein Buch über Narzissten - und ihre zerstörerische Macht. (Deutschlandradio/ C.H.Beck)

Narzissmus ist ein schillernder Begriff, jeder versteht und deutet ihn ein wenig anders. Marie-France Hirigoyen stellt die Forschung zu diesem „toxischen“ Überlegenheitsgefühl dar - und kommt an Donald Trump nicht vorbei.

Oh unselige Titelei! Die neue Studie der französischen Psychiaterin und Therapeutin Marie-France Hirigoyen – "Die toxische Macht der Narzissten und wie wir uns dagegen wehren" – heißt im Original schlicht "Les Narcisse: Ils ont pris le pouvoir": Narzissten an der Macht also.

Vom Modeadjektiv "toxisch" ist ebenso wenig die Rede wie davon, "wie wir uns dagegen wehren". Was als aparte kleine Irreführung daherkommt – négligeable, eben üblich im Geschäft mit übersetzten Büchern –, hat allerdings einen aparten ironischen Haken: Der Hang zum Mehr-Schein-als-Sein ist just eins der Merkmale von Narzissmus.

Doch anders als bei echten Narzissten, die damit eine beängstigende Leere kompensieren (müssen), ist er bei Marie-France Hirigoyen völlig unnötig. Ihr Buch braucht keinen Schein, es ist "selbst wer": nämlich ein thematisch breiter und dabei sehr gut lesbarer Überblick über den Begriff "Narzissmus" seit Freuds ersten Definitionsversuchen.

Ein schillernder Begriff, ein Komplex aus psychoanalytisch-theoretischen, klinisch-psychiatrischen, später soziologischen und kulturellen Bausteinen, der immer feiner differenziert wird. Spätestens seit Donald Trump ist Narzissmus anscheinend in aller Munde, aber was meint man heute eigentlich, wenn man jemanden "narzisstisch" nennt?

Genauer: Wer meint was damit? Und was hat eine individuelle Störung mit dem Hier und Heute zu tun?

Trump als "Schulbeispiel des grandiosen Narzissten"

Der entscheidende Definitionswandel erfolgt in den USA und lässt sich, sehr verknappt, aber plastisch, beschreiben als Wechsel von der "Selbstliebe", als die Freud und andere Europäer Narzissmus übersetzen, zum "Selbstwert", was besser zum amerikanischen Traum passt: dem individuellen, wenn nicht individualistischen Streben nach Glück durch Sieg und Gewinn.

Ab da wird er vermessen und im berühmten DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Diseases) katalogisiert. Dazu gehören: ein grandioses Gefühl der eigenen Einzigartigkeit, Erfolgs- und Machtfantasien, Verachtung für vermeintlich "Niedere", Sucht nach Bewunderung, Mangel an Empathie und ausbeuterische Beziehungen zu Anderen. US-Psychologen debattieren, ob Narzissmus bloß Beleg für Selbstverwirklichung, ein starkes Ego, eine Störung oder pathologisch ist.

Hirigoyen referiert, durchaus kritisch, Forschungspositionen, ergänzt Überlegungen zu ADHS (Aufmerksamkeitsstörung / Hyperaktivität), und zum fehlenden Schamgefühl, schildert die verschiedenen Ausdrucksformen von Narzissmus anhand von kurzen, gut erzählten Fallbeschreibungen und Querverweisen auf allerlei Prominente. Donald Trump etwa, einen "zugegebenermaßen karikaturesken Fall", analysiert sie als "Schulbeispiel des grandiosen Narzissten" - im Unterschied zu "verletzlichen" und "perversen" Narzissten.

Das letztes Aufbäumen der Supernarzissten

In den USA wird "Narzissmus" in den 1970er Jahren zum Gesellschaftsphänomen. 1979 ruft Christoper Lasch das "Zeitalter des Narzissmus" aus.

Mittlerweile sind Begriff wie Phänomen quasi banalisiert. Die "Narzissisierung" der ganzen Gesellschaft folgt logisch aus der "Individualisierung" mit Massenkonsum, die selbst ein Produkt der maximierungssüchtigen kapitalistischen Logik ist – mit immer neuen Sucht-Triggern von Werbung über Reality-TV-Shows bis zu all den Selfie-Plattformen wie Instagram, Facebook, Twitter.

Lauter gigantische narzisstische Spiegel für das zutiefst angstbesessene, weil seine Leere spürende Ego – das tatsächlich durchweg männlich ist. Bisher hat sich noch kein weibliches Ego zu all den Putins, Xis, Erdoğans, Orbans, Bolsonaros, Dutertes, den Industrie-, Medien-, Sport- und Finanzbossen gesellt.

"In einer von allmächtigen Narzissten geführten Welt kann man nur beunruhigt sein", konstatiert Hirigoyen nüchtern und schließt doch mit einem hoffnungsvollen Ausblick:

"Nach der Ära des Exzesses wird die Zeit der Mäßigung kommen. Glücklicherweise beginnt sich ein wachsendes Bewusstsein für die unheilvollen Auswirkungen der Narzissisierung unserer Gesellschaft abzuzeichnen. Ich denke, in Wirklichkeit erleidet unsere Zivilisation derzeit das letzte Aufbäumen der triumphierenden Virilität der Supernarzissten. Die Lösung wird von den Jugendlichen kommen, sie sind die Hoffnungsträger."

Marie-France Hirigoyen: "Die toxische Macht der Narzissten und wie wir uns dagegen wehren"
C.H. Beck, München 2020
253 Seiten, 16,95 Euro

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