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Tonart | Beitrag vom 30.04.2021

Marianne Faithfull: "She Walks In Beauty"Die Rocklady trägt Gedichte vor

Von Juliane Reil

Marianne Faithfull sitzt in einem Stuhl, Warren Ellis steht hinter hier mit seinen Händen auf ihren Schultern (Rosie Matheson)
Marianne Faithfull hat sich wieder mit Warren Ellis von den "Bad Seeds" zusammengetan. Er sorgt für Klanglandschaften wie im Planetarium. (Rosie Matheson)

Marianne Faithfull ist die eigenwillige Grande Dame des Rock'n'Roll. Auf ihrem neuen Album rezitiert sie Gedichte aus dem frühen 19. Jahrhundert. Mit dabei sind auch Nick Cave und Brian Eno - der allerdings keinen Synthesizer spielen darf.

Das Leben von Marianne Faithfull müsste eigentlich verfilmt werden: Als Teenager im Swinging London baut man sie zum Popstar auf. Als Freundin von Mick Jagger wird sie zum It-Girl der 1960-er, sie hat zahlreiche Affären. Dann kommen Drogen ins Spiel, die sie fast zugrunde richten.

Was sie auch überlebt hat: eine schwere Covid 19-Erkrankung im Frühjahr 2020. Damals war sie gerade mitten in der Arbeit zu ihrem neuen Album. Mit "She Walks In Beauty" erfüllt sich Faithfull einen lang gehegten Traum: Sie interpretiert elf Gedichte von englischen Dichtern des frühen 19. Jahrhunderts. Zum Beispiel von Lord Byron, John Keats oder Percy Bysshe Shelley.

Seit der Schulzeit haben die Gedichte die Sängerin, die auch auf der Theaterbühne stand und Filme drehte, nicht losgelassen. Wenn die 74-Jährige über einzelne Texte spricht, gerät sie ins Schwärmen. Zum Beispiel über "The Bridge Of Sighs" von Thomas Hood, in dem es um den Selbstmord einer jungen obdachlosen Frau geht:

"Ich denke, dass es ein wirklich großartiges Gedicht ist. Die Reime und die Alliterationen. Alles an diesem Gedicht ist perfekt. Und die Geschichte, die darin erzählt wird, bewegt mich. Ein gutes Gedicht wird mich immer berühren. Es wird jeden von uns berühren!"

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Die Themen und Inhalte sind zutiefst romantisch. Es geht zum Beispiel um eine junge Frau, die sich in der Themse ertränkt. Oder um eine Fee, die einen Ritter verführt und ihn damit ins Unglück stürzt. Oftmals sind die Protagonisten weibliche Figuren.

Faithfull trägt die Gedichte mit ihrer markant-verrauchten Stimme vor, die immer noch für Gänsehaut sorgt. Auch wenn ihre Vortragsweise erstaunlich konservativ ist und brav wirkt. Dennoch merkt man ihr an, dass sie sich mit den Texten identifiziert. Zum Beispiel mit "The Lady of Shallot":

"Sie umgibt ein Fluch. Sie darf sich niemals umdrehen und das Leben direkt betrachten. Sie kann es nur indirekt durch den Blick in den Spiegel sehen. Aber eines Tages bekommt der Spiegel einen tiefen Riss, der von einer Seite zur anderen geht. In diesem Moment dreht sie sich um und schaut aus dem Fenster auf das, was draußen passiert. Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, dass in diesem Moment ihr Herz bricht. Sie steigt in ein Boot Richtung Camelot, dem Schloss von König Artus. Als sie es erreicht, ist sie tot."

Wie schon auf dem letzten Album "Negative Capability" arbeitet Faithfull mit dem englischen Multiinstrumentalisten Warren Ellis zusammen, der sonst für Nick Caves "The Bad Seeds" spielt. Während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr, als Faithfull schwer an Covid-19 erkrankte, entwickelte er weichgezeichnete Ambient-Passagen, in die er die Stimme von Faithfull einbettet. Musik fürs Planetarium, die viel zu kitschig für die Inhalte und die markige Stimme der Faithfull ist.

Brian Eno wurden die Synthesizer verboten

Kollege Nick Cave spielte das Klavier. Und der Vater des Ambient, Brian Eno, komponierte zwei Klanglandschaften für das Album. Für die Musiker gab es nur eine einzige Vorgabe von Marianne Faithfull:

"Ich habe gesagt, dass ich keine Synthesizer möchte. Wenn du ein Instrument verwenden willst, nimm ein echtes. Ich möchte den echten Klang. Und Warren war dazu in der Lage. Brian habe ich Synthesizer übrigens auch nicht erlaubt, was ziemlich hart für ihn war, glaube ich. Das war natürlich ein bisschen frech von mir, von Brian Eno zu verlangen, dass er auf seine Synthesizer verzichtet. Aber was soll ich machen?"

Marianne Faithfull war in ihrem Leben schon vieles: die Geliebte von Mick Jagger, ein Junkie, eine Obdachlose. Immer wieder hat sie sich aufgerappelt. Jetzt, mit 74, ist sie eine genauso herzliche wie störrische Grande Dame des Rock ’n’ Roll, und mit dem neuen Album Rezitatorin statt Sängerin. Der Titel der Platte "She walks in Beauty" stammt von dem gleichnamigen Gedicht von Lord Byron. Er könnte auch das Leben der eigenwilligen Marianne Faithfull beschreiben. Das weist sie jedoch entschieden von sich.

"Keines dieser Gedichte handelt von mir. Ich habe sie nicht geschrieben. Also geht es in ihnen nicht um mich. Ich wünschte, sie würden von mir handeln! Aber sie tun es eben nicht."

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