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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.07.2019

Mariana Leky: "Was man von hier aus sehen kann"Ein Okapi als Todesbote

Von Jörg Plath

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Buchcover "Was man von hier aus sehen kann" (Dumont)
Ein Roman über die Provinz, die Liebe und das Sterben geliebter Personen: Mariana Lekys Coming of Age-Roman "Was man von hier aus sehen kann" spielt im Westerwald. (Dumont)

Seit mehr als zwei Jahren steht Mariana Lekys Roman "Was man von hier aus sehen kann" auf der Spiegel-Bestsellerliste. Der Verlag hat inzwischen sogar einen Verkaufswettbewerb unter Buchhandlungen ausgelobt. Was hat es mit dem Erfolg auf sich?

"Was man von hier aus sehen kann" ist ein leicht schrulliger, sehr komischer, enorm unterhaltsamer Roman über das Erwachsenwerden, was heute neudeutsch "Coming of Age" heißt. Ein Roman über die Provinz, über die Liebe und über das Sterben geliebter Personen, denn auch diese Erfahrung gehört zum schönen und schmerzlichen Erwachsenwerden.

Im Mittelpunkt steht Luise, die anfangs zehn Jahre alt ist und bei ihrer Großmutter Selma in einem Dorf im Westerwald aufwächst. Ihre Kindheit und Jugend sind sehr behütet. Doch hat sie schon einen engen Freund auf der Fahrt zur Schule durch einen Unfall verloren.

Selma ist eine kluge Frau mit Märchenzügen – wenn sie von einem Okapi (!) träumt, dann stirbt jemand im Westerwalddorf. Der Optiker ist seit Jahrzehnten unsterblich in Selma verliebt, doch er weiß es ihr nicht zu erklären. Hunderte von Briefen, in denen er sich ihr offenbaren will, bricht er ab. Erst als Selma im Sterben liegt, wagt er, ihr seine Liebesbekundungen vorzulesen.

Was Pfandflaschen und Tannenbäume verbindet

Liebe und Tod, das große romantische Duo, angesiedelt im Westerwald der Gegenwart, dazu eine dichte Gemengelage an Topoi, Motiven, Themen und Genreelementen – das ist recht ungewöhnlich, zumal Leky mit Komik und Formbewusstsein erzählt. Trotzdem kann man ihren Roman auch im besten Sinne schmökern. Wenn uns Bücher über Jahre begleiten sollen, müssen sie solch verschiedene Lesarten ermöglichen.

Mariana Leky hat eine rhythmische Sprache: Sie arbeitet mit Wiederholungen und kombiniert mit Vorliebe Dinge, die auf den ersten Blick und auch auf den zweiten nicht zusammengehören. Der Optiker, der Luises Großmutter Selma liebt, macht daraus sogar ein Spiel: Was, fragt er Luise, verbindet Pfandflaschen und Tannenbäume? Beide seien zumeist dunkelgrün und beide pfiffen, wenn der Mensch oder der Wind hineinpuste.

Lieblingsbuch der Buchhändler

Die zweite Besonderheit des Romans sind Typisierung und Wiederholung. Alle Figuren werden durch Macken und Neurosen gekennzeichnet und bleiben bis auf wenige Ausnahmen namenlos: Einer läuft durchs Westerwalddorf und singt zum Verdruss der Dörfler ständig "O Du schöner Westerwald". Die Mutter Luises fragt sich dauernd, ob sie sich von ihrem Mann trennen sollte und tut es nie.

Eine Frau ist furchtbar abergläubisch, und der Optiker weiß alles Mögliche, insbesondere Nichtzusammengehöriges zusammenzubringen, nur nicht sich und die geliebte Selma. Und all das wiederholt sich, leicht variiert, wie im Stummfilm à la Stan und Ollie.

"Leky-Flächenproduktivitätswettbewerb"

Die literarischen Qualitäten haben den Roman nicht allein zu einem Verkaufserfolg werden lassen. Bereits 2017 kürten die unabhängigen, also inhabergeführten Buchhändler "Was man von hier aus sehen kann" zu ihrem Lieblingsbuch.

Der Verkauf läuft seit nunmehr zwei Jahren so gut, dass der DuMont Verlag in diesem Jahr einen "Leky-Flächenproduktivitätswettbewerb" startete – die Buchhandlungen sollten ausrechnen, wie viele Exemplare von Mariana Lekys Romanen sie pro Quadratmeter Verkaufsfläche verkauft haben. Da können kleine Buchhandlungen mit großen konkurrieren. "Leky-Flächenproduktivitätswettbewerb" – das klingt ein wenig nach einer Kreuzung aus DDR-Plankennzahl und Marketingschwurbeldeutsch, nicht unpassend zum ironischen Stil des Romans.

Mariana Leky: "Was man von hier aus sehen kann"
Dumont Verlag, Köln 2017
320 Seiten, 20 Euro
Auch als Taschenbuch erhältlich: 12 Euro

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