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Buchkritik | Beitrag vom 13.01.2021

Maria Popova: "Findungen"Dichtes Netz aus Sehnsüchten

Von Susanne Billig

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Buchcover "Findungen" von Maria Popova (Diogenes Verlag / Deutschlandradio)
Maria Popova knüpft geistige Verbindungen über die Zeiten hinweg. (Diogenes Verlag / Deutschlandradio)

Auf ihrem Blog "Brain Pickings" stellt Maria Popova ihre Streifzüge durch die Philosophie- und Kulturgeschichte vor. Nun ist daraus ein Buch geworden: "Findungen" porträtiert große Intellektuelle vergangener Jahrhunderte.

"Vor dem sich vertiefenden Kobaltblau des Firmaments gleitet der Mond vor die Sonne und bildet eine immer schmaler werdende Sichel. Maria beginnt zu zählen, mit einem einhundertsiebzehn Sekunden währenden Gefühl, als blicke sie durch den Gewehrlauf der Zeit, goldumrahmt und unheimlich."

Von ihrem eigenen Sujet spürbar hingerissen, porträtiert Maria Popova in "Findungen" – neben einer Handvoll weiterer Geistesgrößen vergangener Jahrhunderte – die Quäkerin, Astronomin und Vorkämpferin für Frauenrechte Maria Mitchell, die sich schon als Kind für Sonnenfinsternisse begeisterte.

Maria Mitchell gründete nicht nur im zarten Alter von 17 Jahren eine Schule eigens für Mädchen, sie entdeckte auch einen Kometen und wurde als erste Frau in die renommierten Wissenschaftsverbände der USA aufgenommen sowie auf eine Astronomie-Professur berufen.

Von Johannes Kepler bis Rachel Carson

Biedere Biografien erzählt die amerikanische Autorin nicht. Mit der epischen Geduld einer Internet-Bloggerin, die seit 15 Jahren auf ihrem Blog "Brain Pickings" die endlosen Speicherkapazitäten des World Wide Web mit ergiebigen Lesefrüchten und ausufernden Gedankengängen füllt, versenkt sie sich auf mehr als 800 Seiten hingebungsvoll in die vielen feinen Lebensadern nicht nur der Sternenforscherin Mitchell, sondern auch der Literaturkritikerin Margaret Fuller, der Dichterin Emily Dickinson, der Bildhauerin Harriet Hosmer, der Naturschriftstellerin Rachel Carson und, auf männlicher Seite, des Astronomen Johannes Kepler, des Schriftstellers Herman Melville und des Transzendentalisten Ralph Waldo Emerson.

Immer wieder begegnen sich diese großen Intellektuellen, driften zueinander in Briefen und Reisen, treiben voneinander weg, kämpfen mit Armut, Kreativitätsblockaden, dem Unverständnis ihres Umfelds – und wo sie es nicht tun, weil sie nicht in demselben Jahrhundert lebten, knüpft Maria Popova geistige Verbindungen über die Zeiten hinweg.

Geschlechterrolle hinterfragen

Weiblich, männlich – das allerdings sind Kategorien, deren Geltungsbereich die Autorin permanent hinterfragt. Fast alle Porträtierten geben sich homoerotischen Leidenschaften hin, hadern mit ihren Geschlechterrollen, fühlen sich in gängigen Zuschreibungen überall und nirgends zu Hause.

Fast alle kämpfen auch politisch, für die Rechte von Frauen und Afroamerikanern oder sind, wie Johannes Kepler, schockiert von der brutalen Verfolgung von Frauen als "Hexen".

Der eigenen Neugier folgen

Vielleicht kann ein opulentes Buch wie dieses – das manchmal in seinen Längen ermüdet, aber auf wohltuende Weise wie ein langer Lauf oder ein langes Bad – tatsächlich nur in der Hyperlink-Ära entstehen mit seinen schier unendlichen Möglichkeiten, Querverbindungen zu spannen, nicht nach den Geboten einer nüchtern-sachlichen Logik, sondern Link auf Link, Klick auf Klick allein den unbewussten Impulsen der eigenen Neugier folgend.

Genauso spannt Maria Popova in ihrem voluminösen Werk ein dichtes, dreidimensionales Netz der Sehnsüchte und unkonventionellen Lebensentwürfe über Kontinente und Epochen hinweg. Ein Buch für eine lange, inspirierende Zeit auf dem Nachttisch.

Maria Popova: "Findungen"
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer, Heike Reissig und Tobias Rothenbücher
Diogenes, Zürich 2020
826 Seiten, 28 Euro

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