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Buchkritik | Beitrag vom 23.06.2018

Margit Schreiner: "Kein Platz mehr"Zu viele Dinge, die von uns bleiben

Von Manuela Reichart

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Buchcover von Margit Schreiners Roman "Kein Platz mehr" (Schöffling & Co. / imago / Chromorange )
Margit Schreiners Roman "Kein Platz mehr" handelt vom Leben zwischen zu vielen Überbleibseln des eigenen Lebens. (Schöffling & Co. / imago / Chromorange )

Die Wohnung ist vollgestopft mit Erinnerungsstücken, Büchern, Möbeln. Wohin damit? In "Kein Platz mehr" erzählt Margit Schreiner höchst amüsant von Menschen, die in die Jahre gekommen sind und mit Platzmangel und Sinnkrisen konfrontiert werden.

Der Titel ist wörtlich zu verstehen: Wohin mit all dem Zeug, das man im Laufe des Lebens angesammelt hat, den Büchern und Fotos und Erinnerungsstücken? Der Roman bietet eine lite­rarische Aufräumaktion.

Die österreichische Autorin Margit Schreiner weiß: "Direkt nach den Schriftstellern kommen eigentlich nur noch die Messies." All die Zettel und Hefte, Notizbücher und Mappen können keinesfalls weg­geworfen werden, entweder sie werden später vielleicht noch gebraucht oder es hängen Erinner­ungen daran. Die Erzählerin verlässt ihr kleines Arbeitszimmer in Linz selten, denn dort gibt es nur Platz für Tisch und Stuhl, Bett und Bücherregal. Die restlichen hundert Qua­dratmeter ihrer Wohnung sind vollgestellt mit viel zu vielen Möbeln und überflüssigem Zeug: Deckchen und Blumenvasen, Pflanzen und Geschirr – und mit Büchern. Die Regale quellen über, es gibt keinen Platz mehr.

Die Figuren haben die Zukunft längst hinter sich

Der Ehemann hat sich auf ein Sofa hinter den Schrank verzo­gen, dort muss er nicht aufs Chaos schauen und schläft die meiste Zeit. Er ist pensioniert und damit in einer besonders schwierigen Lage, denn was soll der Pensionär – die Pensionärin scheint ein wenig besser dran zu sein – in seiner "vollkommen überfüllten Wohnung" noch tun. Er hat buchstäb­lich keinen Platz mehr.
 
Margit Schreiner erzählt von Menschen, die in die Jahre gekommen sind und nun mit Platz­man­gel und Sinnkrisen konfrontiert werden. Egal, ob sie in einem Schloss oder einer Drei­zim­mer­wohnung leben: Wohin mit all dem Zeug und wa­rum hat man diesen Kram überhaupt auf­gehoben? Die Kinder wer­den sich nicht freuen, wenn sie später einmal sortieren und vor al­lem ent­sorgen müssen. Dieses "Später" ist ja auch nicht mehr weit entfernt. Die Figuren dieses höchst amüsan­ten und gekonnt weit schweifenden Romans haben die Zukunft längst hinter sich.

Der Traum vom Bestseller und einem Motor fürs Paddelboot

Da­rü­ber kann man sich we­der mit Kreuzfahrten oder Weltumsegelungen noch mit Gast­vorträgen in Japan hinwegtäu­schen. Und die Instandsetzung der italienischen Ferienwohnung verleiht der Frage, wohin mit all dem überflüssigen Zeug, eine neue Wendung, denn die Müll­entsorg­ung dort stellt das ältere Paar vor schier unlösbare Probleme.

Ein autobiografisch grundierter Roman, in dem es auch um die Gefahren dieses im Augen­blick besonders beliebten Genres geht: Freunde sind nach der Lektüre beleidigt, Ehekrisen ent­stehen, Kinder brechen mit ihren Eltern, nur der Ehemann der Autorin fordert sie unab­läs­sig auf, über ihn zu schreiben: "Bruno denkt vielleicht, ich würde einmal einen richtigen Best­seller schreiben, wir wären dann auf einen Schlag saniert und er könnte endlich einen Elektro­motor für das Faltboot kaufen, damit wir bis ins hohe Alter paddeln und, sollte uns einmal die Kraft ausgehen, dann eben auch mit Motor weiterfahren können."

Mit der Weltreise wird es dann doch nichts

Die Sache mit den Bestsellern gestaltet sich allerdings ebenso schwierig wie die italienische Müllentsorgung, vor allem für ältere Schrift­steller, die im Verhältnis zu den jungen Kollegen und Kolleginnen, kein großes Renommee mehr haben. Die Alten werden sich jedenfalls nicht nur keinen Elektromotor leisten können, sondern müssen viel mehr Geld aufwenden, um halb­wegs akzeptabel auf Lesungen aufzu­treten: "Ein zerraufter Zwanzigjähriger macht einen wil­den, ein zerraufter Sechzigjähriger nur einen ungepflegten Eindruck."

Am Ende denkt die Erzählerin doch über eine Weltreise nach, schweift ab und landet dann bei Orten, die sich fürs Sterben besonders gut eignen. Was aber – wie das ganze Buch – ganz und gar nicht traurig, sondern ebenso unterhaltsam wie klug ist.

Margit Schreiner: "Kein Platz mehr"
Schöffling & Co, Frankfurt am Main, 2018
176 Seiten, 20 Euro

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