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Sein und Streit | Beitrag vom 15.08.2021

Margherita von Brentano im Interview (1975)"Philosophie war immer politisch"

Margherita von Brentano im Gespräch mit Joachim Schickel und Werner Reuther

Porträtaufnahme der Philosophin Margherita von Brentano bei einer Exkursion im März 1961 entstanden im österreichischen Gries/Sulztal.  (PIU Lieck)
"Ich bin - oder möchte sein - ein Sozialist", sagte Margherita von Brentano über sich. Von einem dogmatischen Marxismus distanzierte sie sich aber. (PIU Lieck)

Aus dem Elfenbeinturm heraus philosophieren – davon hielt die Philosophin Margherita von Brentano nichts. Sie engagierte sich stets auch politisch. Sie war eine der wenigen Professorinnen, die schon in den frühen 70er-Jahren an der FU Berlin lehrte.

Die Abschaffung der bürgerlich-idealistischen Philosophie – das hatten sich im Gefolge der 1968er-Bewegung junge Philosophen auf die Fahnen geschrieben. An der Freien Universität Berlin ging das so weit, dass einige Mitarbeiter nur noch marxistische Lehre zulassen wollten. Der heftige Streit von Marxisten und Nicht-Marxisten um die ideologische Ausrichtung und die Besetzung von Stellen legte das Philosophische Institut der Freien Universität Berlin nach 1968 über mehrere Jahre fast vollständig lahm.

Vorreiterin im Universitätskosmos

Zu den Institutsmitarbeitern gehörte damals die Philosophin Margherita von Brentano, eine der wenigen Frauen, die zu diesem Zeitpunkt an einer deutschen Universität als Professorin lehrten. In einem Radiointerview von 1975 stellte sie sich den Fragen, wie politisch Philosophie sein darf – und wie sie selbst es mit dem Marxismus hielt.

Schwarz-weiß-Fotografie von 1968: Sie zeigt Studenten während einer Demonstration, die Schilder mit den Porträts von Lenin, Che Guevara und Rosa Luxemburg in die Höhe halten. (dpa)Marx und Lenin als Leitstern: Für die Studentenbewegung der 1960er- und 70er-Jahre waren Philosophie und Politik eine Einheit. (dpa)

Von Brentano distanzierte sich dabei von einem dogmatischen Marxismus, der diese Lehre, so wie sie sei, für die "letzte Wahrheit" halte. Fasse man Marxismus aber weiter, nämlich als wissenschaftliche Theorie des Sozialismus, habe sie nichts dagegen, Marxistin genannt zu werden. "Obwohl ich mich selber scheuen würde, weil ich diese Marken nicht gernhabe", betonte die Philosophin. "Ich würde es so sagen: Ich bin – oder möchte sein – ein Sozialist."

Den Marxismus betrachtete von Brentano als eine Philosophie – obwohl sie sich im Klaren darüber sei, dass ihr manche Marxisten hier widersprechen würden. "Weil sehr viele Marxisten bestimmte Thesen von Marx so interpretieren: die Philosophie ist ja nun aufgehoben."

Marxismus - legitimer Erbe der alten Philosophie

Aber der Marxismus sei mehr als eine ökonomische Theorie, sondern er versuche, über die wissenschaftliche Einzeldisziplin hinausgehend auf die Frage nach dem Ganzen eine Antwort zu finden. Dass er dabei zu ganz anderen Antworten kommt als die Vorgängerphilosophien, ist für Brentano nichts Ungewöhnliches: 

"Man kann sagen, Philosophie bestand darin, immer die jeweils vorige Philosophie aufzuheben und zwar nicht nur in Kleinigkeiten, sondern im Ganzen", betonte sie. 

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

"Insofern ist der Marxismus wirklich der legitime Nachfolger, auch der alten Philosophie, das Erbe der alten Philosophie, als er mit dem, was ein Faktum war in der Philosophiegeschichte, aber immer als Skandal empfunden wurde, die Philosophie, die doch glaubte, sie sei die oberste, leitende, allgemeine, höchste, abstrakte und ewige Wissenschaft, das ja gar nicht war. Sondern ein Kampf der Meinungen und eine sehr schnelle Abfolge von Lehren war."

Klassenhierarchie bei Platon

Dieser idealistischen Sicht auf Philosophie widersprach von Brentano auch mit Blick auf zeitgenössische Theorien: 

So kritisierte sie, dass die eigentlich "überholte" Philosophie Karl Poppers in den 1970er-Jahren dennoch wieder in Mode kam – und zwar deshalb, weil sie "der Typ von philosophischer Theorie" sei, mit dem man sozialdemokratische Politik legitimieren könne.

"Philosophie ist politisch und sie ist es heute eminent, sie ist es immer gewesen und sie ist es auch dann, wo sie sich geriert, als hätte sie mit Politik überhaupt nichts zu tun."

Etwa bei Platon: Natürlich spreche der nicht von Klassenkampf, so Brentano. "Aber in der antiken Philosophie spielen Klassenfragen und Ökonomiefragen eine ganz ungeheure Rolle."

Denn Platons Philosophie habe konservative Züge, die sie mit der Herkunft des Philosophen aus einer adligen Familie erklärt: So sei dessen Forderung, in der Politik sollten die Besten herrschen, richtig und schön. "Aber sie hat natürlich auch nachweisbar sozusagen etwas von Klassenhierarchie an sich."

(uko)

Margherita von Brentano (1922-1995) arbeitete nach ihrem Philosophie-Studium zunächst als Redakteurin des Südwestfunks, bevor sie 1956 als Assistentin von Wilhelm Weischedel ans Philosophische Institut der Freien Universität wechselte. Als Akademische Rätin war sie von 1970 bis 1972 die erste weibliche Vizepräsident der FU. 1972 wurde sie zur Professorin ernannt. Sie lehrte bis zu ihrer Emeritierung 1987 an der Freien Universität Berlin. Politisch engagierte sie sich für die Aufarbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten, gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik in den 1950er-Jahren und für die Gleichstellung von Frauen. 
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