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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.06.2012

Margarete Mitscherlich ist tot

Psychoanalytikerin und Publizistin starb kurz vor ihrem 95. Geburtstag

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Margarete Mitscherlich (17. Juli 1917 - 12. Juni 2012) (picture alliance / dpa)
Margarete Mitscherlich (17. Juli 1917 - 12. Juni 2012) (picture alliance / dpa)

Wie Deutschlandradio Kultur aus Kreisen der Familie erfuhr, ist die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich am Dienstag kurz vor ihrem 95. Geburtstag gestorben. Mitscherlich galt als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Psychoanalyse in Deutschland und beteiligte sich bis ins hohe Alter mit kritischer Stimme am gesellschaftspolitischen Diskurs.

Mitscherlich galt als die große alte Dame der Psychoanalyse. An der Seite ihres Mannes Alexander leistete sie 1967 mit dem Buch "Die Unfähigkeit zu trauern" einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Nazi-Zeit, wobei es ihnen vor allem darum ging, die Mechanismen zu verstehen, mit denen Schuld und Mitschuld des Einzelnen wie des gesellschaftlichen Kollektivs in der Adenauer-Ära verdrängt wurden.

Wie Mitscherlich in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur anlässlich ihres 90. Geburstags im Jahr 2007 sagte, war es eine gute Erfahrung, dass dieses Buch sowie die mit ihrem Mann geleistete Arbeit eine positive Rezeption erfahren habe:

"Nun, das gehört zu den Dingen in meinem Leben, die mich wirklich sehr glücklich machen, ja, und sehr zufrieden machen. Das, dass man das gelernt hat, dass man die Vergangenheit aufarbeiten muss und sie sehen muss wie sie war, um auch zu verstehen, wie man selber oft mit in größte Unmenschlichkeiten gerutscht ist, also, zumindest sich nicht genügend dagegen gewehrt hat, damit - das ist auch schon 100.000 mal gesagt worden, aber, ich glaube, man kann es nicht genügend sagen - es sich nicht wiederholt. Und das gehört wirklich der allgemeinen Meinung in Deutschland an.

Ich denke, auch die Jugend ist sich darüber im Klaren, es war eine schreckliche Zeit, sie ist bereit, der Geschichte ins Auge zu sehen und sie, wann immer möglich, noch genauer zu erforschen, um so mit ihr umzugehen, dass wir niemals wieder in diese Irre laufen können, wie wir es seinerzeit getan haben."

1917 geboren, wuchs Mitscherlich als Tochter eines dänischen Vaters und einer deutschen Mutter in Schleswig-Holstein auf und besuchte das Gymnasium in Flensburg. Zum Medizinstudium wechselte die junge Frau nach Tübingen. Nach ihrer Promotion im Jahr 1950 lernte sie den Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich kennen. Ihre eigene Lehranalyse machte sie in London und setzte sich seitdem sehr intensiv mit der Lehre Sigmund Freuds auseinander. Gemeinsam mit ihrem Mann wandte sie die Prinzipien der Psychoanalyse - Erinnern und Durcharbeiten - auf das kollektive Verhalten eines ganzen Volkes an:

""Die Psychoanalyse versucht ja wirklich, die Menschen dazu zu bringen, zu kapieren, aus was für Gründen sie Verhaltensweisen entwickeln, die Motive zu erkennen, und Selbsterkenntnis war nun nicht gerade das große Ziel der Nazis","

sagte Mitscherlich später. Bis ins hohe Alter war sie als Analytikerin, Autorin und bekennende Feministin aktiv. Am 17. Juli wäre Margarete Mitscherlich 95 Jahre alt geworden.


Interview mit Margarete Mitscherlich zu ihrem 90. Geburtstag am 17. Juli 2007 auf dradio.de:

"Was man muss, ist eigenständig denken" - Margarete Mitscherlich hält anlässlich ihres 90. Geburtstags Rückschau

Mehr bei deutschlandradio.de

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"Was man muss, ist eigenständig denken"

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