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Buchkritik | Beitrag vom 29.12.2020

Margaret Goldsmith: "Patience geht vorüber" Eine Frau zwischen den Stühlen

Von Edelgard Abenstein

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Buchcover zu Margaret Goldsmith: "Patience geht vorüber"  (Aviva/Deutschlandradio)
Ein unkonventioneller Roman, der die Liebe zwischen Frauen erkundet: "Patience geht vorüber" von Margaret Goldsmith. (Aviva/Deutschlandradio)

Eine junge Frau lotet ihren Lebensentwurf zwischen Nationen und Rollenbildern aus. Margaret Goldsmiths Roman "Patience geht vorüber" entwirft ein Zeitbild zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Jahr 1930.

Als der auf Deutsch geschriebene Roman "Patience geht vorüber" 1931 erschien, war die englisch-deutsch-amerikanische Autorin, Margaret Goldsmith, 36. Ihre Heldin, in demselben Alter, blickt auf ein halbes Leben zurück, damals, während des Krieges, als sie in ihre beste Freundin verliebt ist. Die beiden haben gerade Abitur gemacht, und sie erkunden heimlich die neu gewonnene Freiheit miteinander, Leidenschaft, Begehren, Sex.

Sex, Heirat und Dreierbeziehung 

Patience schläft auch mit einem jungen, ihr verfallenen Soldaten. Aus Mitleid – und aus Berechnung. Denn er kann ihr in den Nachkriegswirren zu einem kostenlosen Aufenthalt auf dem elterlichen Gut verhelfen. Aber nur als Ehefrau, begleitet von einer scheinbar platonischen Freundin, weshalb sie ihn kurzentschlossen heiratet.

Am Ende betrügt sie alle: den Mann, dem sie eheähnliche Zuneigung vorgaukelt, die Freundin, der sie kein Wort von ihren Pflichten verrät. Die instabile Ménage-à-trois zerbricht und Patience verlässt beide. Gehören will sie, das nimmt sie aus dieser Schieflage als Lebensmotto mit, niemandem, keiner Frau, keinem Mann.

Patience, die wie ihre Autorin in Berlin zweisprachig aufgewachsen ist, als Tochter eines deutschen Arztes und einer englischen Adligen, sitzt zwischen den Stühlen. Sie wird zu einer selbstbewussten jungen Frau, verdient als Journalistin ihr eigenes Geld, pendelt zwischen London und Deutschland, reist als ausgebildete Ärztin zu Kongressen in die USA. Und sie nimmt sich die Liebhaber, die sie braucht. Alleine ein Kind zu bekommen, ohne dauerhaften Begleiter an ihrer Seite, ist für sie kein Problem.

Kaltgeschleuderte Prosa 

Nur die Tochter, die ihr am Ende auf wundersame Weise zugelaufen ist, wird sie am Ende lieben. Für die Erotik hält sie sich, nach männlichem Muster – sie verdient ja genug – einen kleinen Freund. "Da brauchte sie im Grunde nichts von sich selbst zu geben." Eine weibliche Entscheidung, die auch heute noch ziemlich provokant ist.

Heruntergekühlt im Ton erzählt Margaret Goldsmith diese mehr als zehnjährige Geschichte einer 'neusachlichen Seele' mit präziser Beobachtungsgabe. Durch alle auch politischen Wirren der Zeit, zwischen Sozialismus und patriotischen Gefühlen. Ganz nah an ihren Figuren nutzt sie, psychologisch dicht, die neue literarische Mode des inneren Monologs, sie schlüpft in die Köpfe einer Handvoll von Menschen, skizziert deren Träume und Enttäuschungen, Abwege und scheiternden Hoffnungen.

Zeitbild der Zwanziger Jahre aus Frauensicht 

Lebensgeschichten werden angedeutet, Zeitkolorit leuchtet auf. Bauhausschwinger stehen in den Salons neben gründerzeitlichen Vertikos, Frauen steuern schwere Autos, prägen die Debatten um neue, promiske Lebensformen. Es gibt kein Schwarz-Weiß, nur zahlreiche Graustufen.

"Patience geht vorüber" ist ein unkonventioneller Roman, der damals ungewöhnlich genug, die Liebe zwischen Frauen erkundet. Auch wenn ihm mitunter die Leichtigkeit, der burschikose Ton einer Vicki Baum, Gabriele Tergit oder Irmgard Keun fehlt, stellt er die Autorin so doch in eine Reihe mit den großen Namen der 1920er-Jahre. 

Margaret Goldsmith: "Patience geht vorüber"
Mit einem Nachwort von Eckhard Gruber
Aviva Verlag, Berlin 2020
224 Seiten, 19 Euro

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