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Buchkritik | Beitrag vom 20.10.2020

Margaret Atwood: "Die Füchsin. Gedichte 1965-1995"Allein die Liebe sichert das Überleben

Von Jörg Magenau

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Ein Porträt der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood. (alliance / empics / Chris Young)
Margaret Atwood ist immer wieder Topfavoritin auf den Nobelpreis für Literatur. (alliance / empics / Chris Young)

Margaret Atwoods Romane sind weltberühmt, dabei hat sie als Lyrikerin angefangen. In "Die Füchsin" sind viele ihrer Gedichte versammelt. Auch hier zeigt sich ihr Engagement für die Natur und für Frauen.

Als Lyrikerin ist Margaret Atwood hierzulande kaum bekannt. Jetzt liegt mit "Die Füchsin" erstmals ein Sammelband vor, der einen Querschnitt durch das lyrische Werk bis ins Jahr 1995 bietet.

Der Piper Verlag hat für diese zweisprachig präsentierte Auswahl neun deutsche Lyrikerinnen und Lyriker – unter ihnen Kerstin Preiwuß, Ulrike Draesner, Jan Wagner und Monika Rinck – um Übersetzungen gebeten, so dass der Band nebenbei auch eine Werkschau der deutschen Lyrikszene ist. Allerdings bleiben alle Übersetzungen dicht an den Originalen. Sie operieren eher interlinear als nachdichtend, was gut möglich ist, da Atwood ohne Reime und in freien Rhythmen schreibt.

In der Tradition der angelsächsischen Lyrik

Ihre Verse sind offene Momentaufnahmen, Beobachtungen, Reflexionen und keine durchgeformten Gebilde. Atwood steht in der Tradition der eher sachlichen angelsächsischen Lyrik. In einem Essay hat sie darauf hingewiesen, dass für Kanada in einer feindlichen Umwelt die Kategorien des Überlebens und der Selbstbehauptung zentral seien. Das gilt gegenüber der Natur ebenso wie gegenüber den USA. Und das gilt in ihrem Werk auch und vor allem für die Frauen.

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All diese Elemente sind auch in ihren Gedichten zu finden. Gleich das erste aus dem von Dagmara Kraus übertragenen Zyklus "Das Kreisspiel" (1966) heißt "Nach der Sintflut, wir" und enthält die Zeilen: "Wir müssen die einzigen / übrig Gebliebenen sein in dem Dunst / der überall aufzog, / so auch in diesen Wäldern".

Die apokalyptische Vision richtet sich an ein Du, das neben der Erzählerin geht und gar nichts weiß von den Wäldern und Städten, die unter dem Wasser liegen. Es sind zärtliche Verse, und immer wieder zeigt sich, dass allein die Liebe das Überleben sichert.

Das gilt auch für das den Band beschließende "Ein Morgen im verbrannten Haus", dreißig Jahre später geschrieben und von Jan Wagner ins Deutsche gebracht. Wieder ist es eine Katastrophe, dieses Mal aber das Feuer. Die lyrische Stimme ist alt geworden und erinnert sich an das Haus ihrer Kindheit, das nur noch in der Erinnerung existiert. Es ist die Zeit selbst, in der die Dinge verbrennen.

Fuchs, Riesenschildkröte und immer wieder Schlangen

Lyrik ist zweifelsohne ein Innenraum. Das Gedicht "Reise ins Innere" ist programmatisch für die Verwandlung politischer Themen in Gefühlszustände. Atwoods lyrisches Ich empfindet sich selbst so gespannt und "still wie eine Zündschnur", denn es weiß um all die Kriege, die stattfinden während des Schreibens.

Tiere – Fuchs, Riesenschildkröte und immer wieder Schlangen – spielen eine große Rolle als mythische Begleiter, als Überlebens- und Verwandlungskünstler. Am schönsten aber sind die Momente, in denen ein Du angesprochen wird als verlässliches Gegenüber.

So heißt es am Ende in dem Dunkelheitsgedicht "Gestaltwandler im Winter": "Doch die Kunst besteht darin, auszuharren / in allen Erscheinungsformen; und wir tun es, / und ja, ich weiß, das bist du; / und darauf wird es hinauslaufen, früher / oder später, wenn es noch dunkler ist (….)/ und die Sicht gleich null ist: Ja. / Du bist es noch immer. Du bist es noch immer."

Margaret Atwood: Die Füchsin. Gedichte 1965-1995
Übertragen von Ann Cotten, Ulrike Draesner, Christian Filips, Dagmara Kraus, Kerstin Preiwuß, Elisabeth Plessen, Monika Rinck, Jan Wagner und Alissa Walser
Mit einem Vorwort von Michael Krüger
Berlin Verlag, Berlin 2020
408 Seiten, 40 Euro

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