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Buchkritik | Beitrag vom 04.01.2021

Marek Cichocki: „Nord und Süd. Texte zur polnischen Geschichtskultur“Polen als bestes Europa

Von Martin Sander

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Das Cover von Marek Cichockis Buch "Nord und Süd" auf orange-weißem Hintergrund, (Harrassowitz Verlag / Deutschlandradio)
Marek Cichocki ist Geschichtsphilosoph und ein Vordenker der polnischen Regierungspolitik. Der Band "Nord und Süd" enthält sechs seiner Essays. (Harrassowitz Verlag / Deutschlandradio)

Die Essays des Geschichtsphilosophen Marek Cichocki erscheinen jetzt auf Deutsch: Sie bieten einen spannenden Einblick in den geistigen Horizont des aktuell so wirkmächtigen nationalkonservativen Denkens in Polen.

Mitte der 1990er-Jahre habe er, schreibt der polnische Geschichtsphilosoph Marek Cichocki, eine Einladung des Goethe-Instituts in Rom angenommen, um dort die "bekannte Rolle des armen Verwandten aus dem Osten" zu spielen. Star der Debatte sei sein deutscher Kollege Peter Sloterdijk gewesen. Sloterdijk sei in Rom einem teutonischen Furor verfallen, weil inmitten seines Vortrags ein hochgestellter italienischer Gast einfach einen Handyanruf entgegengenommen habe, vermutlich aus Brüssel. Brüllend habe Sloterdijk, ganz Barbar aus dem Norden, den italienischen Gast als "Eurokretin" heruntergemacht.

Das deutsche Gerede von Europa, kommentiert der Pole Cichocki die Szene aus Rom, müsse dem Publikum aus der ewigen Stadt doch lächerlich vorkommen, da für sie Europa nun mal Italien sei. Wer verkörpert das gute Europa wirklich? Wer in Europa steht für die abendländischen Traditionen inklusive Toleranz und Nächstenliebe? Solche Fragen durchziehen Marek Cichockis Texte zur Geschichtskultur, die unter dem Titel "Nord und Süd" nun auch auf Deutsch vorliegen. 

Wo ist das gute Europa?

Cichocki, Jahrgang 1966, ist in Polen ein prominenter Vordenker nationalkonservativer Regierungspolitik. Er räumt seinem Land einen der vordersten Plätze im Wettbewerb "Wer ist Europa?" ein. Polen sei es im Verlaufe seiner Geschichte gelungen, die christlich geprägte, römische Form der Spätantike anzunehmen und immer wieder mit eigenem Inhalt zu füllen – in idealer Weise durch das Pontifikat des polnischen Papstes Johannes Paul II.

Die Inspiration Polens durch den lateinischen Süden untersucht der Autor in sechs essayistischen Betrachtungen zur polnischen Nationalgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Da geht es etwa auf rund 100 Seiten um das Leben und Wirken von Jan Zamojski, einer der zentralen Figuren des polnischen Großreichs der frühen Neuzeit des 16. Jahrhunderts. Zamojski hatte an der Universität Padua studiert, dort auch als Rektor amtiert. Später gründete er in Polen die seinen Namen tragende Stadt Zamość samt Akademie.

Andere Texte handeln vom Mittelalter und vom 19. und 20. Jahrhundert bis zur Ära der EU. Cichocki bemüht für seine Darlegung historische Quellen und immer wieder Geschichtsprosa polnischer Autoren des 20. Jahrhunderts, zum Beispiel Erzählungen des aus der Ukraine stammenden Dichters Jarosław Iwaszkiewicz oder Romane des in Berlin-Charlottenburg geborenen Teodor Parnicki.

Nationalpolnisches Denken

Cichockis Buch ergibt ein gut lesbares Kompendium nationalpolnischen Denkens und seiner Traditionsbezüge. Die Wirkungsabsicht ist unverkennbar: Der Autor will seinem Publikum nationalkonservative polnische Politik der Gegenwart schmackhaft machen, meist nicht kämpferisch, sondern in dezenter, bildungsbürgerlicher Manier.

Nur selten sagt er ganz deutlich, was er politisch im Schilde führt. Die Polen nämlich sollten keine Angst haben, die "EU-Komfortzone" zu verlassen. Deutschland stehe historisch spätestens seit Hegel für einen unchristlichen universalen Machtanspruch. Für den nutze Berlin heute Brüssel. In Brüssel wiederum herrsche die Tyrannei der allgemeinen Bürokratie im Namen rechtstaatlicher Prinzipien. Für Polen sei das ein Irrweg, die Besinnung auf das christliche Abendland hingegen die Rettung.

Was auch immer man über solche Thesen denkt, es lohnt sich dieses Buch zu lesen, will man erfahren, aus welchen Quellen sich das derzeit allgegenwärtige nationalkonservative Denken in Polen speist.

Marek Cichocki: Nord und Süd. Texte zur polnischen Geschichtskultur
Aus dem Polnischen von Hans Gregor Njemz
Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2020
297 Seiten, 24,90 Euro

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