Seit 01:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Rang I | Beitrag vom 18.10.2014

Marcuse auf der BühneWo bleibt die Revolte?

Marcuses "Der eindimensionale Mensch" als Theaterprojekt

Von Rainer Link

Podcast abonnieren
Der Philosoph Herbert Marcuse (dpa / picture alliance)
Der Philosoph Herbert Marcuse (dpa / picture alliance)

Es war eine scharfe Abrechnung mit dem Kapitalismus: Vor einem halben Jahrhundert erschien Herbert Marcuses "Der eindimensionale Mensch". Nun kommt das Buch in multimedialer Form auf die Bühne - und das mit prominenter Beteiligung.

Vier sehr unterschiedliche Talente, die gemeinsam etwas Neues auf die Bühne bringen: Thomas Ebermann, Ex-Grünen Politiker, der  sich heute  geehrt fühlt, wenn man ihn den "letzten Querulanten" nennt. Schauspieler Robert Stadlober, der jetzt singt. Kristof Schelf, Ex-Frontmann der Kolossalen Jugend. Sowie Andreas Specht, Sänger der Band Ja, Panik. Zusammen sind sie das Team Marcuse. Ebermann hat das Gesamtwerk des linken Philosophen studiert. 

"Er geistert immer noch als Bösewicht, als geistiger Brandstifter durch die Welt. Was natürlich damit zu tun hat, dass er sich im Unterschied zu anderen Köpfen der Kritischen Theorie ab 1966/67 ins Getümmel stürzt."

Stadlober rezitiert Marcuse: "Ich glaube, dass es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein Naturrecht auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Es ist unsinnig, an die absolute Autorität dieses Gesetzes und dieser Ordnung denen gegenüber zu appellieren, die unter ihnen leiden und gegen sie kämpfen; nicht für persönliche Vorteile und aus persönlicher Rache, sondern weil sie Menschen sein wollen."

Marcuses Befund ist 50 Jahre alt - aber nicht veraltet

Marcuse  sah im Kapitalismus den Verursacher einer umfassenden Krise des menschlichen Wesens. Unter kapitalistischen Verhältnissen träten Wesen und Existenz des Menschen auseinander, das Individuum könne nur als marktwirtschaftliche Marionette funktionieren. Marcuses Befund sei zwar  50 Jahre alt, aber trotz digitaler Evolution nicht veraltet. Informiertheit und Verblödung seien heute verschwistert, sagt das Team Marcuse. Und das sei schwer auszuhalten.

"Der eindimensionale Mensch" ist ein Stück, das die Zuschauer befragt: Warum gibt es keine Revolte in dieser übersatten Gesellschaft sondern nur versklavte Zufriedenheit?

Alle, die heute als links, als progressiv, als bürgerbewegt gelten, haben sich von einer substanziellen Kritik des Bestehenden entfernt, bilanziert das Team Marcuse. Man tröste sich mit kleinteiligen "Immerhins".

Die kurzen Momente an Rebellion, die heute noch aufflammen, enden rasch im Kommerz. Nehmen wir die Guy Fawkes-Masken, mit denen die Occupy-Bewegung vor der Wall Street aufmarschierte. Heute sind diese Masken zum markenrechtlich geschützten Merchandising-Artikel von Time Warner verkommen. Man kann sie aktuell für 11,98 Euro bei Amazon kaufen.

"Den Marcuse kann man nicht ins Museum stellen"

Das Bühnenstück "Der eindimensionale Mensch" folgt keiner klassischen Dramaturgie, hat keine Kulisse, ist eine Art Multimediaprojekt.

Ebermann: "Erst mal kommt Marcuse ja selbst zu Wort und Zeitgenossen wie Angela Davis zum Beispiel. Oder auch Reaktionäre, die so etwas sagen wie: Als die Krawalle ausbrachen in Rom, war Herbert Marcuse da, als die Krawalle ausbrachen in Paris, war Herbert Marcuse da, als die Krawalle ausbrachen in Berlin, war Herbert Marcuse da."

Alle Songs interpretieren Marcuse-Texte. Sie wurden eigens für diesen Abend komponiert. Die Darsteller - Stadlober ist gerade mal über 30, Ebermann deutlich über 60 - liefern sich Streitgespräche auf dem Hintergrund dieser Musiken. Das Stück ist nicht leicht konsumierbar, aber auch keine Randgruppenbeschallung. Es wird diejenigen Zuschauer begeistern, die zur Reflexion ihres eigenen gesellschaftlichen Status bereit sind.

Stadlober: "Den Marcuse kann man nicht ins Museum stellen, da wo 68 ausgestellt wird. Den eindimensionalen Menschen kann man nicht begraben. Das kann man alles mit Marcuse nicht machen. Dafür ist er zu subversiv. Und das wisst ihr doch eigentlich. Und genau da liegt doch unsere Chance, versteht ihr das nicht?" 

19.10. Heidelberg - Karlstorbahnhof
21.10. Frankfurt/Main – Mousonturm
23.10. Hamburg – Polittbüro
29. 10. Berlin – Admiralspalast
31.10. Bremen – Schwankhalle
13.11. Leipzig – Conne Island
14.11. Potsdam – Spartacus

 

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur