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Buchkritik | Beitrag vom 30.07.2020

Marco Balzano: "Ich bleibe hier" Ein Dorf geht unter

Von Ursula März

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Buchcover des Romans "Ich bleibe hier" von Marco Balzano (Deutschlandradio / Diogenes Verlag)
In dem Roman steigert sich eine private Tragödie zum Seelenmelodram: im ruhigen Ton und in einfacher Sprache. (Deutschlandradio / Diogenes Verlag)

Der italienische Erfolgsautor Marco Balzano erzählt in "Ich bleibe hier" das Drama von Graun, einem Dorf an der österreichisch-italienischen Grenze. Gerade der ruhige Ton des Romans macht die Geschichte über Verlust und Widerstand eindringlich.

Das Cover des Romans zeigt ein surreal anmutendes Bild: einen Kirchturm, der mitten aus einem azurblauen See herausragt. Was man für eine Montage halten könnte, ist Realität. Der See existiert, er liegt im südtirolischen Vinschgau nah der österreichisch-italienischen Grenze. Er heißt Reschensee.

Und es gibt den Kirchturm. Das Dorf, in dem er bis zum Jahr 1950 stand, existiert allerdings nicht mehr. Um einen gigantischen Stausee zur Stromgewinnung zu errichten, ließ der Großkonzern Montecantini die Häuser sprengen und das gesamte Dorf überfluten, der unter Denkmalschutz stehende Turm blieb. 1200 Bewohner verloren ihre Heimat, wurden umgesiedelt oder mit einem kleinen Geldbetrag abgefunden.

Es ist nicht das einzige Drama, das die Menschen von Graun erlitten und das der italienische Erfolgsautor Marco aentlang der historischen Fakten erzählt. Nach einem Übereinkommen zwischen Hitler und Mussolini mussten sich 1939 alle Südtiroler entscheiden, ob sie ins nationalsozialistische Deutsche Reich auswandern oder als italienisierte Bürger zweiter Klasse bleiben wollten. In der Geschichte Südtirols wirkt das Trauma der Option bis heute nach.

Brief an die verlorene Tochter

Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund entwickelt Marco Balzano die fiktive, aber realitätsnahe Geschichte der Volksschullehrerin Trina. Sie ist in Graun aufgewachsen, sie will in Graun bleiben, mit ihrem Ehemann Erich und den beiden Kindern.

Aber die Politik zerreißt die Familie. Die Tochter schließt sich heimlich Trinas Schwägerin an, die nach Deutschland geht. Der Sohn entwickelt sich zum kriegsbegeisterten Hitler-Anhänger.

Die private Tragödie steigert den historischen Stoff zum Seelenmelodram. Die Stimme der Ich-Erzählerin ist die von Trina, der Roman ein langer Brief an ihre verlorene Tochter, über deren Verrat sie nicht hinwegkommt. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhält Trina nie mehr ein Lebenszeichen von ihr.

Verheerungen der Natur

Marco Balzanos Roman "Ich bleibe hier", der in Italien auf der Shortlist für den Premio Strega stand, ist eine Erzählung über Verluste, über den Verlust eines Kindes, eines Dorfes, einer Heimat, einer regionalen Identität. Es ist zugleich aber auch eine Erzählung über den Widerstand.

Als das italienische Regime Trina verbietet, die Kinder des Dorfes in deutscher Sprache zu unterrichten, setzt sie den Unterricht klandestin, in Kellern und Scheunen, fort. Als Tausende von Arbeitern in Graun anrücken, um den Staudamm zu errichten, agitieren Trina und Erich mit aller Kraft gegen die Vernichtung des Dorfes.

Mithilfe des Bischofs schafft es Erich sogar, zu einer Audienz bei Papst Pius XII im Vatikan eingeladen zu werden. Es ist ein vergeblicher Kampf gegen die Windmühlen der industriellen Moderne. In der Gegenwart der globalen Klimakrise erscheinen die Verheerungen der Natur, die sie hinterlässt, aktueller denn je.

Marco Balzano verzichtet auf stilistische und literarische Effekte. Er verfasst die Geschichte von Graun im ruhigen Ton einer Chronik und in einfacher Sprache. Gerade dieses Understatement macht das historische Drama umso deutlicher.

Marco Balzano: "Ich bleibe hier" 
Aus dem Italienischen von Maja Pflug
Diogenes Verlag, Zürich 2020
288 Seiten, 22 Euro

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