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Lesart | Beitrag vom 09.07.2021

Marcel ProustErstaunlich viel Neues über den einsamen Schreiber

Dirk Fuhrig im Gespräch mit Frank Meyer

Ein historisches schwarz/weiss Portrait des französischen Schriftstellers Marcel Proust. (imago / Vera-Archives / Leemage)
Marcel Proust fasziniert immer noch. Die Neuerscheinungen zu seinem 150. Geburtstag zeigen: Es ist noch nicht alles von ihm veröffentlicht. (imago / Vera-Archives / Leemage)

Viele Leserinnen und Leser entdeckten Marcel Prousts Werk im Lockdown wieder. Der französische Schriftsteller wurde vor 150 Jahren, am 10. Juli 1871 geboren. Nun sind zahlreiche Bücher erschienen, darunter sogar bisher unbekannte Texte von Proust.

Vor allem Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" wurde bei vielen zur Lektüre während des Corona-Lockdown. Der Autor wurde neu oder wiederentdeckt. Sein siebenbändiger Roman lädt ein, sich in seiner Langsamkeit und leisen Spannung zu versenken.

Am Samstag vor 150 Jahren, am 10. Juli 1871, wurde Proust in Paris geboren, der im 20. Jahrhundert zu einem literarischen Monument wurde. Zu diesem Jubiläum sind zahlreiche neue Bücher erschienen. In gewisser Weise ist es sogar ein Doppeljubiläum, denn 2022 jährt sich Prousts Todestag zum 100. Mal – am 18. November 1922 ist er in Paris gestorben.

Hier geht es zur Denkfabrik 2021. Auf der Suche nach dem Wir. (Foto: Deutschlandradio / Malte Müller)

Proust fasziniert bis heute. Ein Grund dafür sei die Mischung aus Gesellschaftsporträt und Epochenbeschreibung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die seine Texte präge, sagt Literaturredakteur und Frankreichexperte Dirk Fuhrig. Es sei die Zeit gewesen der Ablösung der Adelsgesellschaft durch das Großbürgertum.

In Deutschland sei Proust schon sehr früh bekannt geworden – durch den Romanisten Ernst Robert Curtius, der sich mit Proust schrieb und dessen Werk 1925 mit einem Essay vorstellte, der in einer Neuauflage des Schöffling Verlags zu lesen ist.

Neue Texte aus Prousts Feder

Zu seinem 150. Geburtstag ist auch Neues aus Marcel Prousts eigener Feder veröffentlicht worden, zum Beispiel "Der geheimnisvolle Briefeschreiber. Frühe Erzählungen".

Diese Texte tauchten vor etwa drei Jahren im Archiv eines französischen Proust-Experten auf, nun erscheinen sie auf Deutsch. Man könne sie als Vorstufen zu "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" betrachten, so Fuhrig. Darin gehe es deutlicher um die Entdeckung der Homosexualität als es dann im veröffentlichten Roman der Fall sei. Aber Proust habe nicht gewollt, dass diese Texte veröffentlicht werden.

Daneben sind einige Bücher mit Prousts Texten erschienen, die bereits publiziert worden waren, aber in Vergessenheit gerieten. Darunter etwa der Band "Der gewendete Tag", der Vorabdrucke von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" in Zeitschriften enthält.

Erinnerungen der Haushälterin

Unter den Büchern über Proust sticht eines besonders heraus: "Monsieur Proust. Die Erinnerungen seiner Haushälterin Céleste Albaret" sei wohl das witzigste unter den Neuerscheinungen, sagt Fuhrig.

Sie habe etwa zehn Jahre für ihn gearbeitet. "Sie war praktisch die einzige Bezugsperson, die er in seiner Wohnung hatte." Nun sind ihre Erinnerungen auf Deutsch erschienen. Es sei "herrlich, weil da sehr private Dinge zutage treten über diesen einsamen Schreiber, der dennoch so viel über die Gesellschaft drumherum geschrieben hat".

(abr)

Die besprochenen Bücher:

Marcel Proust: "Der geheimnisvolle Briefeschreiber. Frühe Erzählungen"
Transkription der Texte, versehen mit Anmerkungen und einer Einleitung von Luc Fraisse
Aus dem Französischen von Bernd Schwibs
Suhrkamp, Berlin 2021
174 Seiten, 28 Euro

Marcel Proust: "Briefe an seine Nachbarin"
Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Estelle Gaudry und Jean-Yves Tadié
Aus dem Französischen von Bernd Schwibs
Mit einem Essay von Andreas Maier und zahlreichen Abbildungen
Insel Verlag, Berlin 2021
117 Seiten, 14 Euro

Marcel Proust: "Der gewendete Tag"
Aus dem Französischen von Christina Viragh und Hanno Helbling
Nachwort von Christina Viragh
Manesse, München 2021
704 Seiten, 25 Euro

Ernst Robert Curtius: "Marcel Proust"
Mit Übersetzungen und einem Nachwort von Michael Kleeberg
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2021
200 Seiten, 24 Euro

Ulrike Sprenger: "Das Proust-ABC"
Mit einem Vorwort von Alexander Kluge
Reclam, Stuttgart 2021
318 Seiten, 20 Euro

Jean Giraudoux: "In Marcel Prousts Welt/Du côté de chez Marcel Proust" 
Herausgegeben von Jürgen Ritte
Aus dem Französischen von Jürgen Ritte, Catherine Livet
Matthes & Seitz, Berlin 2021
64 Seiten, 25 Euro (erscheint am 22.7.2021)

"Monsieur Proust. Die Erinnerungen seiner Haushälterin Céleste Albaret"
Aus dem Französischen von Margaret Carroux
Gatsby Verlag, Zürich 2021
539 Seiten, 34 Euro

Lothar Müller: "Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt"
Wagenbach, Berlin 2021
224 Seiten, 22 Euro

Weitere Beiträge über Marcel Proust

Lothar Müller über Marcel Proust - Der Sohn eines medizinischen Superstars
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 28.6.2021)

Saul Friedländer: "Proust lesen" - Homosexualität und Judentum
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 11.1.2021)

Marcel Proust im Selbstversuch - Vom Nutzen der verlorenen Zeit
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 15.4.2020)

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