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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.04.2016

Marcel Fratzscher: "Verteilungskampf"Ungleichheit mit Bildung ausgleichen

Von Ulrich Baron

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Sprachförderung in einer Kindertagesstätte. (Imago / Joker / Petra Steuer)
Sprachförderung in einer Kindertagesstätte. (Imago / Joker / Petra Steuer)

Deutschland fördert die Ungleichheit der Chancen – und nicht den "Wohlstand für alle", sagt Marcel Fratzscher, der Präsident des DIW Berlin. Der Verteilungskampf in Deutschland werde härter werden und die Gesellschaft spalten.

In politischen Sonntagsreden sieht man Deutschland als einen Staat, der Wiedervereinigung und Arbeitslosigkeit, Finanzkrise und Staatsverschuldung gemeistert hat und auch die Flüchtlingskrise "schaffen" wird. Doch das sei nicht einmal die halbe Wahrheit.

"Immer weniger Menschen in unserem Land haben eine wirkliche Chance, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und zu nutzen. … Nirgendwo schaffen weniger Kinder den sozialen Aufstieg. Nirgendwo gehen weniger Arbeiterkinder zur Universität. Nirgendwo verbleibt Reichtum so oft über Generationen hinweg in denselben Familien. Nirgendwo bleibt Arm so oft arm und Reich so oft reich."

Dies schreibt kein Sozialrevolutionär, sondern ein Wirtschaftsforscher. Gestützt auf detaillierte und differenzierte Statistiken und Grafiken analysiert Marcel Fratzscher ein Deutschland, das mittels Steuern und Sozialabgaben kaschiere, dass vielen Bürgern drohe, zu verarmen und von sozialen Leistungen abhängig zu werden, oft schon während der Berufstätigkeit, spätestens jedoch im Alter.

Reallöhne sind gesunken

Buchcover: "Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird" von Marcel Fratzscher (Hanser Verlag München)Buchcover: "Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird" von Marcel Fratzscher (Hanser Verlag München)"Für mehr als die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer – nämlich die Hälfte mit den niedrigsten Löhnen – ist die Kaufkraft ihrer Löhne heute geringer als noch vor 15 Jahren. Ihre Reallöhne sind gesunken."

Nicht nur Arbeitseinkommen sinken. Deutschland liegt auch bei der Verteilung privaten Vermögens weit hinter Ländern wie Luxemburg, Belgien, Spanien, Frankreich und Griechenland zurück. Das reichste "Ein-Prozent" der Deutschen hält etwa 24 bis 33 Prozent des gesamten Privatvermögens.

"Ein großer Teil der Wohlhabenden hat sein Vermögen dabei nicht selbst erarbeitet."

Dies hat zum einen historische Ursachen. Während die breite Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg bei Null anfangen musste, haben Besitzer alter Vermögen auch ohne Eigenleistungen erhebliche Wertzuwächse verbuchen können.

Zum anderen gingen in kaum einem Land Europas so viele Bürger schlecht mit ihrem Ersparten um. Sie parkten es eher auf Sparkonten, statt es in Aktien und Immobilien zu investieren.

Einkommensschwache werden auch technologisch abgehängt

Während Inflation und Zinssenkungen Spareinlagen abschmelzen lassen, sei die Rendite auf Kapital im vergangenen Jahrhundert in Deutschland deutlich höher gewesen als auf den Faktor Arbeit. Und auch durch technische Innovation in der Arbeitswelt wurde der einkommensschwächste Teil der Bevölkerung vom wirtschaftlichen Erfolg abgehängt.

"Der Marktprozess in Deutschland führt zu sehr ungleichen Löhnen und Einkommen, die dann der deutsche Staat durch vergleichsweise hohe Steuern und Transferzahlungen teilweise auszugleichen versucht."

Angesichts demographischer Verschiebungen aber hält es Marcel Fratzscher für riskant, sich darauf zu verlassen, dass solch ein Ausgleich auch in Zukunft finanzierbar sei. Wieder einmal heißt das Zauberwort Bildung, denn trotz aller Reformen spiele die familiäre Herkunft dabei noch immer eine viel zu große Rolle.

Deutschland vernachlässigt seine Bildung

Bildung sei in Deutschland gleich in mehrfacher Hinsicht vernachlässigt worden. Zum einen hinke sie anderen europäischen Ländern weit hinterher. Zum anderen setze sie hierzulande viel zu spät an, nämlich erst, wenn die wichtigsten Entscheidungen in Sachen Kita und Schulart schon gefallen seien.

Noch immer habe das Elternhaus maßgeblichen Einfluss auf Bildungs- und Berufskarrieren. Kinder von Hauptschülern würden überproportional oft Hauptschüler, Akademikerkinder überproportional häufig Akademiker. Will man die Ungleichheit mindern, so müsse man dort ansetzen, wo die Entwicklung beginnt.

"Ein Euro, der in die frühkindliche Bildung investiert wird, hat einen deutlich höheren gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen als ein Euro für die tertiäre Bildung an Universitäten.

Denn wenn ein Kind schon sehr früh gefördert wird, ist es nicht nur offener und flexibler, neue Dinge zu erlernen und die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, sondern es profitiert davon auch in allen weiteren Lebensphasen."

Der Autor liefert detaillierte Analysen der wachsenden Ungleichheit in Deutschland, zeigt, wie man sie statistisch erfassen kann. Er bietet gute Argumente dafür, Ausbildung besser zu fördern, die öffentlichen Transfersysteme grundlegend zu ändern sowie soziale oder geschlechtsbedingte Karriereschranken abzubauen.

Rein ökonomische Sicht greift zu kurz

Doch indem er erläutert, was man alles hätte besser machen müssen, weckt er auch Skepsis, ob staatliche Eingriffe in die frühkindliche Bildung künftig besser funktionieren. Schon früher waren nämlich die Erwartungen an Bildungsoffensiven überzogen.

Skepsis weckt auch seine ökonomisch ausgerichtete Sicht, die Arbeit nur als bezahlte Erwerbsarbeit und Bildung nur als Ausbildung begreift.

Marcel Fratzscher kritisiert systemimmanent. Und seine Vorschläge dürften bestenfalls dazu führen, dass es vielen finanziell etwas besser geht, dafür wenigen noch weit besser als zuvor. So versprechen der signalrote Umschlag seines Buchs und dessen kämpferischer Titel mehr, als sie halten.

Marcel Fratzscher: Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird                                         
Hanser Verlag, München 2016                                                                       264 Seiten, 19,90 Euro, auch als E-Book

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