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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.01.2018

Mara Genschel: "Gablenberger Tagblatt"Faszinierendes Spiel mit dem Kontext

Von André Hatting

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Die Dichterin Mara Genschel (Cover: Brueterich Press / Hintergrund: imago/gezett)
Die Dichterin Mara Genschel (Cover: Brueterich Press / Hintergrund: imago/gezett)

Mara Genschel beobachtet den Literaturbetrieb mit spöttischer Geste von Außen. Ihr neuer Lyrikband tarnt sich als Mischung aus Literatur, Katalog und Zeitung. Die grafischen Elemente verrätseln den Inhalt und führen in ein Bedeutungsdickicht – das ist provokant und anregend.

Wir sind es gewohnt, dass uns Literatur an die Hand nimmt. Eine Welt aus wohlgeformter Sprache bietet uns Dramen, Triumphe, große Gefühle, die literarische Helden stellvertretend für uns erleben und erleiden. Von einem Ausstellungskatalog wiederum erwarten wir, dass er über die Kunstwerke informiert, sie in einen historischen oder ästhetischen Kontext stellt, eine Orientierung gibt. Ein Tagblatt, also eine Zeitung, versorgt uns mit neuesten Nachrichten und Hintergrundartikeln.

Literatur, Katalog und Zeitung in einem

Mara Genschels Gablenberger Tagblatt ist Literatur, Katalog und Zeitung in einem. Und zugleich auch wieder nichts von alledem. Formal kopiert sie das Inhaltsverzeichnis einer alten Berliner Gemäldegalerie aus dem 19. Jahrhundert. Die Titel der dort aufgelisteten Lithografien benutzt die Autorin als Ausgangsmaterial, um das herum sie Tagebucheinträge, Fragmente von Geschichten und Dialogen sowie wissenschaftliche Zitate gruppiert. Sie wirken mal frei assoziiert, mal scheinen sie einem Ordnungsprinzip zu folgen, etwa wie die Abfolge der Stimmen in einer musikalischen Fuge. Wo im Katalog eine Lithografie abgebildet wäre, tritt bei Genschel Text:

Pendants.

Zu Gott.

"110"

Abb. 1

Im Gablenberger Tagblatt folgt dieser "Abb. 1" "Zu Gott" unmittelbar das in der Überschrift angekündigte Pendant "Von Gott" mit dem Textinhalt "Die 5 Ws". Eine Fußnote im Gewand eines Kryptozitats aus der Neurochirurgie ergänzt die Seite: "Die Nervenzellen hatten zuvor keine Befehle mehr vom Gehirn erhalten, da die Forscher ihre Verbindung komplett durchtrennt hatten." Leser und Betrachter dürfen sich einen eigenen Reim machen: Ist das ein spöttischer Kommentar über Religiosität und Frömmigkeit?

Verwirrende Korrespondenzen

Je weiter der Leser durch das Tagblatt blättert, desto verwirrender sind die Korrespondenzen, die Genschel erschafft. Kapitel, Bildüberschrift, Bildinhalt, Bildunterschrift und Fußnote setzen Themen wie beispielsweise das eines Schiffsunglücks oder die Alltagserfahrungen einer Schriftstellerin, schreiben sie fort und um, aber nie bis zum Ende und schon gar nicht zusammenhängend.

Das Gablenberger Tagblatt ist ein faszinierendes Spiel mit dem, was in der empirischen Sprachwissenschaft Kontext heißt und der Soziologe Erving Goffman Anfang der 1970er Jahre "Rahmung" genannt hat. Für ihn war sie ein entscheidendes Mittel unseres Verstehens: "Die Rahmung macht das Handeln für den Menschen sinnvoll." Mara Genschel verwirbelt in ihrem Buch die Rahmungen Kunst, Wissenschaft und Literatur. Dadurch läuft konventionelles Verstehen in die Irre. Es sucht permanent neue Zusammenhänge, neue "Rahmungen", neuen Sinn.

Genschels Sache ist die Provokation

Die ausgebildete Musikerin und Schriftstellerin Mara Genschel ist nicht unumstritten. Ihr Abschied vom familiären Gekuschel im Literaturbetrieb und von Lesungen, in denen das Publikum zu nachdenklichen Versen andächtig die Köpfe wiegt, haben ihr einige übelgenommen.

Als "Häretikerin" oder "Hofnärrin" sehen manche die 35-Jährige. Genschels Sache ist die Provokation. Die bedeutet wörtlich übersetzt Herausfordern und Hervorrufen. Das Gablenberger Tagblatt tut beides. Das macht es wunderbar inspirierend.

Mara Genschel: Gablenberger Tagblatt
Brueterich Press, Berlin, 2017
184 Seiten, 20 Euro

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